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Der Dichter nennt ſein Werk in der lateiniſchen Zueignung„Liber Evangeliorum domini gratia theodisce conscriptus“, im Deutſchen ſelbſt„Evangeliono deil“, ein Theil der Evangelien.¹) Der erſte Herausgeber der Dichtung iſt ein Theologe der Reformationszeit, Matthias Flacius; derſelbe bezeichnet Otfrieds Werk als„Evangelienbuch“, und ſein Urtheil über dasſelbe bekundet, welch' hohe kulturgeſchichtliche Bedeutung er demſelben beilegt. Ein Zeichen und Zeugniß eines beſſeren Standes der Religion, ſo zuvor geweſen, iſt ihm dies Buch, darinnen die vier Evangeliſten vor 700 Jahren in deutſche Reime verdol⸗ metſchet und in eine einige Erzählung gebracht worden ſei.„Wer fleißig darin forſchet, der findet immerzu gar viel ſolcher Anzeigung eines beſſeren Zuſtandes der Religion, welche als rechte Heilthumb man mit allem Fleiß ſuchen und herfürziehen ſoll, die wahre und rechte uralte Religion damit zu erklären und zu beweiſen;“ er hat daher dies Buch„in Druck verfertigt, der alten Deutſchen Sprach und Gottsforcht zu erlernen.“ Otfried theilt ſein Werk in fünf Bücher, wie er ſelbſt ſagt, im Hinblick auf die fünf Sinne, denn„was wir durch die fünf Sinne fehlen, ſoll durch Leſung dieſer fünf Bücher wieder gut gemacht und jeder Sinn dadurch aufs Himmtliſche gerichtet werden.“
Das erſte Buch erzählt die Geburt Jeſu mit den derſelben zunächſt vorangehenden und nach⸗ folgenden Ereigniſſen und ſchließt mit dem Auftreten Johannis des Täufers, Alles vorzugsweiſe mit Be⸗ nutzung des Matthäus. Das zweite Buch folgt größtentheils dem Johannes. Es erzählt ausführlich von dem Worte, das ewig bei Gott war, nun aber Fleiſch geworden iſt; nach kurzem Rückblick auf die Kindheits⸗ geſchichte wird ſodann die Verſuchung erzählt, die Berufung der Apoſtel, die Hochzeit zu Kana, die Reinigung des Tempels, die Geſpräche mit Nikodemus und der Samariterin. Nun wird der Faden des erſten Evan⸗ geliums wieder aufgenommen, um theils die Krankenheilungen kurz zuſammenfaſſend zu berichten, theils die Bergpredigt ausführlich wiederzugeben. Das dritte Buch theilt eine Auswahl aus den Wundern und den Reden Jeſu mit. Das vierte, weitaus ſtärkſte Buch erzählt die Leidensgeſchichte ausführlich, worauf das fünfte, nach einer Einleitung über den Grund des Todes Jeſu am Kreuz, die Auferſtehung und die Himmelfahrt nebſt den Erſcheinungen des Auferſtandenen berichtet und mit Beobachtungen über die letzten Dinge ſchließt. Die Betrachtung erhebt ſich endlich zum Gebet, worauf der Dichter im letzten Kapitel einen Rückblick auf das mit Gott vollendete Werk wirft, alle Frommen bittet, was darin gut und brauchbar ſei, als Gottesgabe dankbar anzunehmen, was dagegen nicht angemeſſen ſei, ihm ſelbſt zur Laſt zu legen —(ECechler).
So beſingt alſo die Dichtung Leben, Lehre, Tod und Auferſtehung des Herrn, aber nicht in der Form eines zuſammenhängenden Epos, wie es im Heliand geſchieht, ſondern in vielen einzelnen Liedern, zwiſchen denen Erzählungen aus dem Alten Teſtament zum beſſeren Verſtändniß der neuteſtamentlichen Deutungen und zaͤhlreiche gelehrte Auslegungen eingeſchaltet werden. Aus der Anordnung und Behandlung des Stoffs läßt ſich erkennen, wie Otfried überall demſelben als freier Bearbeiter gegenüber ſteht, der nach einem wohldurchdachten Plan und im Hinblick auf klaſſiſche und chriſtliche Vorbilder dichtet, aber immer mit Hervorhebung perſönlicher Gefühle und Meinungen. Mit Abſicht ordnet er daher ſeinen Stoff nach beſtimmten, ſeinen theologiſchen Anſichten dienenden Geſichtspunkten;„nicht die Erzählung der bibliſchen Thatſachen ſelbſt, ſondern moraliſirende Betrachtungen und Anwendungen, gelehrte Ausführungen und Allegorien ſind ihm oft die Hauptſache,“ denn er meint dadurch alle Hauptwahrheiten des Chriſtenthums ſeinen Hörern und Leſern deſto beſſer nahe zu legen; die ganze Darſtellungsweiſe des Dichters macht oft den Eindruck, als verſetze ſich derſelbe im Geiſt als Prediger vor eine gottesdienſtliche Verſammlung, die er abwechſelnd durch Auslegung der Schrift und durch eingelegte Kirchengeſänge im Evangelium und in kirchlicher Lehre unterweiſen will. Weſentlich unterſcheidet ſich Otfried durch all' dies von dem Verfaſſer des Heliand; während dieſer meiſt ſehr genau dem Bericht des Evangeliums folgt, denſelben höchſtens zum Zwecke dichteriſcher Anſchauung erweitert, aus Liebe zur Sache ſelbſt vor ſeinem Stoffe verſchwindet und
¹) Vergl. zu den folg. Ausführungen über Otfried's Evangelienbuch— Lechler in den Theol. Studien u. Kritiken. 1849. 2*½


