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war, fand er die Werke des Auguſtin, Hieronymus, Gregor des Großen und ſeines Lehrers Rhabanus. Sie wurden die Grundlage für ſeine Studien. Aus den wenigen Nachrichten über ſeinen weiteren Bildungs⸗ gang und ſeine ſpätere Wirkſamkeit erfahren wir nur, daß von ihm verſchiedene lateiniſche Schriften her⸗ rührten, ſo: drei Bücher über die Pſalmen, ein Buch Gedichte und Briefe an Zeitgenoſſen. Alle dieſe Schriften ſind jedoch verloren gegangen, erhalten iſt nur ſein deutſches Evangelienbuch, das er im Jahr 870 mit einer deutſchen Zueignungsſchrift ſeinem König Ludwig dem Deutſchen und mit einer lateiniſchen Vor⸗ rede dem Erzbiſchof Liutbert, dem Nachfolger des Rhabanus Maurus auf dem Biſchofsſitz zu Mainz, über⸗ ſandte. In dieſer Vorrede äußert ſich Otfried über die Entſtehung und den Zweck ſeiner Dichtung. Sollte ſein Werk, ſagt er, von manchen Gläubigen nicht anerkannt oder gar gering geſchätzt werden, ſo möge man bedenken, daß er nicht aus freien Stücken oder in der anmaßenden Einbildung von einem beſonderen Nutzen ſeines Werkes dasſelbe bearbeitet habe, ſondern daß die eigentliche Veranlaſſung die Aufforderung ſeiner Freunde war, die durch chriſtliche Dichtungen anſtößige Volkslieder verdrängen wollten. Doch neben dieſem nächſtliegenden, überaus praktiſchen Zweck ſeiner Dichtung gedenkt Otfried noch einer höheren Auf⸗ gabe: daß es nämlich Ehrenſache der Nation ſei, Chriſti Wort und Thaten in der Mutterſprache mit dichteriſchem Schmucke wiederzugeben..) Aus dieſem von dem Dichter ſelbſt ſtets im Auge behaltenen Zweck ſeiner Dichtung läßt ſich nun auf die kulturgeſchichtliche Bedeutung derſelben ſchließen. Aus älteſter Zeit hatten ſich neben den eigentlichen Heldenliedern auch eine Menge Volkslieder erhalten, die Otfried als res inutiles, theils als cantus obscoenus ſchildert,²) und welche dem frommen Mönch wegen ihres heidniſchen und theilweiſe unſittlichen Gehalts ein Gräuel waren, die aber von minder ſtrengen Beur⸗ theilern als Schnurren und Schwänke, oder als Wander⸗ und Liebeslieder bezeichnet werden, und deren Verluſt vom Standpunkt der Sprachenkunde mit Recht zu beklagen iſt. Solchen Volkspoeſien entgegen⸗ zuwirken und ſeine Landsleute für fromme, erbauliche Geſänge zu gewinnen, iſt demnach zunächſt die Abſicht Otfrieds bei Abfaſſung ſeiner Dichtung geweſen; doch will er zugleich auch das Verſtändniß des Evan⸗ geliums ſeinem Volke nahe bringen und beſonders ſeinen Franken, deren Lob er am Anfang ſeiner Dichtung ſo ſchön beſingt, ein Heldengedicht ſchenken, das ihm die alten Lieder erſetzen ſollte. Denn„wenn nun ſo manches Volk es wagt, in ſeiner eignen Sprache ſchreibt, wenn es mit Eifer ſich bemüht, das Seinige ſo zu erhöh'n: warum denn ſoll das Frankenvolk es unterlaſſen ganz allein, in fränk'ſcher Sprach' ver⸗ ſuchen nicht zu ſingen unſers Gottes Lob?“
Wohl mochte Otfried in der Hauptſache ſeinen Zweck erreicht haben, denn es verſchwindet in Wirklichkeit jene Art Dichtungen immer mehr; damit ſoll aber nicht geſagt ſein, daß die neu eingeführten liederartigen Poeſien im Stande waren, das alte Volkslied zu erſetzen. Die Lieder, die das Volk ſingt, müſſen Klänge ſein, in denen ſich ſeine eigne Seelenſtimmung kund gibt, und die der Wiederhall ſind von Luſt und Freude, Liebe und Leid, Hoffen und Sehnen des eignen Gemüths. Aus dem Bedürfniß der Menſchennatur, ſeinem bewegten inneren Leben Ausdruck zu geben, iſt demnach das Volkslied hervorge⸗ gangen, nicht aber aus Willkür oder aus der beſtimmten Abſicht, in das eigentliche Volksleben etwas hineinzutragen, was ſeinem ganzen inneren Weſen ſowohl, wie den durch Sitten und Gebräuchen ſich kund⸗ gebenden Erſcheinungsformen fremd iſt. Stoff und Form ſchafft ſich das Volk für ſeine Lieder ſelbſt, ſie können ihm aber nie zu dem Zweck der Einführung von Ideen und Empfindungen, die nicht ſein Eigen⸗ thum ſind, aufgedrängt werden; und auch Otfried iſt es wohl nicht gelungen, für die ſchon vorhandenen, dem chriſtlichen Sinn aber anſtößig gewordenen Lieder eines ſangesluſtigen Volkes durch die liederartigen Theile ſeiner Dichtung einen Erſatz zu bieten; dagegen entſpricht ſein Werk dem andern Zweck, den der Dichter im Auge hat, Jeſu Worte und Thaten nämlich in der Mutterſprache mit dichteriſchem Schmucke wiederzugeben; und im Hinblick auf Anordnung und Behandlung dieſes Stoffes wird Otfrieds Dichtung zum erſten bedeutenden Verſuch der Deutſchen im Kunſtepos.
¹) Lechler in den Theolog. Studien und Kritiken 1849. ²) Koberſtein, Geſch. der deutſchen Nationalliterat.§. 46. 4.


