— 9
und grämt euch, doch meine Heimfahrt laßt euch nicht härmen, denn Hülfe kommt davon den Erdgebornen.“ Schlicht und groß leuchtet überall der Schmuck der Dichtung hervor aus dem Kern einer wunderbar ver⸗ tieften Auffaſſung des Evangeliums. Alles, aus tiefreligiöſem, wie poetiſchem Gemüthe fließend, wirkt in den Herzen der Hörer durch die überzeugende Wahrheit ſeines geiſtigen Inhalts. So wird der Heliand ein vollgültiges Zeugniß dafür, daß das Chriſtenthum Volksgeiſt und Volksleben weder beeinträchtigt, noch ſeiner Eigenthümlichkeit beraubt, ſondern beide vielmehr reinigt und aufs Höchſte hinlenkt,„dasſelbe iſt weder an eine beſondere Form, noch an ein beſonderes Volk gebunden, ſondern an welches Volk es in ſeiner vollen Reinheit herantritt, da übt es eine geiſtig belebende, Herz und Gemüth durchdringende und gewinnende Kraft aus.“
Von beſonderem Einfluß mußte eine ſolch' echt germaniſche, wie chriſtliche Dichtung gerade für die nördlichen Gebiete Deutſchlands werden, die romaniſcher Kultur, aber auch romaniſcher Entartung ferner lagen, wo das Chriſtenthum im Volk zwar langſamer Wurzel faßte, dafür aber auch nicht eine blos durch Cultus und Prieſter vermittelte äußere Form, ſondern, mit dem Grundweſen des Volkes einmal verwachſen, fortan volles geiſtiges Eigenthum wurde. Wenn es daher feſtſteht, daß hier das Chriſtenthum urſprünglich tiefer erfaßt und in der ſpäteren Zeit auch reiner bewahrt wurde, und daß der freie Geiſt desſelben wohl manchmal zurückgehalten, aber nie romaniſirt werden konnte, bis er zur Zeit der Refor⸗ mation grade hier wieder zuerſt erwachte, ſo liegt die Annahme nahe, daß dieſe Stellung zum Chriſten⸗ thum in dieſen Ländern aus einer Zeit ſich erhalten hat, wo eine Dichtung, wie der Heliand, das Volk in die Gefolgſchaft des großen Völkerhirten rief. Der Geiſt dieſer Dichtung ward zu einem getreuen Eckart, der das Volk in ſeinem edelſten Beſitz ſchützte und die Pfunde, wenn auch lange Zeit vergraben, ihm bewachte, bis Luther es aufrief zum geiſtigen Kampf gegen Alle, die es ihrem erſten und einzigen Friedensfürſten entfremden wollten.
Wie der Heliand das hervorragendſte Zeugniß für die Entwicklung der niederdeutſchen Poeſie iſt, ſo wird es für die oberdeutſche Dichtung Otfrieds Evangelienharmonie.
St. Gallen, Corvey, Weißenburg, vor allem aber das Kloſter Fulda wurden ſchon frühe, das letztere beſonders unter der Leitung von Männern wie Alkuin und Rhabanus Maurus, nicht blos Pflanz⸗ ſtätten religiöſen Lebens und hoher wiſſenſchaftlicher Bildung, ſondern aus ihnen ging auch, wie ſchon angedeutet, ein echt nationaler Clerus hervor, der, neben der klaſſiſchen und chriſtlichen Literatur, mit be⸗ ſonderem Eifer auch die Volksſprache erforſchte und pflegte, um durch dieſelbe Kenntniß des Volkscharakters, zugleich aber auch das wichtigſte Mittel für die religiöſe Erziehung des Volks zu erlangen. Die in jener Zeit mehrfach entſtandenen deutſch⸗lateiniſchen und lateiniſch⸗deutſchen Wörterbücher, Interlinearüberſetzungen, deutſche Bearbeitungen lateiniſcher Hymnen, freie Uebertragungen bibliſcher und kirchlicher Schriften, unter denen hauptſächlich die ſogenannte Tatian'ſche Evangelienharmonie hervorragt,¹) zeigen die Art der Studien, wie dieſelben innerhalb jener erſten Miſſionsſtationen auf deutſchem Boden zu dem Zweck der Erlernung der Volksſprache und der Förderung des Chriſtenthums gepflegt wurden.
Zu Fulda erhielt auch Otfried— nach den Einen fränkiſcher, nach den Andern alemanniſcher Ab⸗ ſtammung— ſeinen erſten Unterricht zu einer Zeit, als noch Rhabanus Maurus dem Kloſter vorſtand. Nachdem jedoch ſein berühmter Lehrer, zum Erzbiſchof von Mainz berufen, ein neues Feld bedeutender Wirkſamkeit erhalten und daher Fulda verlaſſen hatte, ſchied auch Otfried bald von ſeiner erſten Bildungs⸗ ſtätte, um entweder unmittelbar darauf, oder, wie Lachmann annimmt, erſt nach einem kurzen Aufenthalt in St. Gallen als Mönch und Prieſter in das Benediktinerkloſter zu Weißenburg im Speiergau einzu⸗ treten. In der reichen Bibliothek dieſes Kloſters, deren Vorſteher er vielleicht als Meiſter der Schule
¹) Vergl. Wackernagel, Geſch. der deutſchen Literat.


