Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Mauern und Zinnen, es ſindſichere Orte, darin die Burgleute wohnen. Jeruſalem iſtdie weltkunde Burg, von mächtigem Walle umgeben zum Schutze des Hauſes Gottes, der Weihthümer wonnigſtes. Die Burgen und Städte habenſtattliche Häuſer die Menge mit weiten Hallen und hohem Söller, der ganz behangen iſt mit köſtlichem Schmuck, und rings im Lande liegen Weiler und umzäunte Gehöfte, umgeben von reichem Grundbeſitz.

Innerhalb dieſer Stätten vollziehen ſich die großen Thaten des höchſten Herrn der Völker. Um⸗ geben von ſeinen Herzögen und Helden durchzieht er die Lande,des Wahren ſpricht er ſo viel, und der Zeichen manche wirkt er gewaltig. An ſeinen Worten, an ſeinen Thaten ward ſichtbar, daß er der Fürſt war, der himmliſche Herr, der zu Hülfe kam in dieſe Mittelwelt den Menſchenſöhnen. Und Hülfe bringt er Armen und Kranken, Allen, ſo viel derenvon allen weiten Wegen zu ihm ſtrömen, denn ſein Lob war weithin der Menge vermäret. Die Verkündigung des Heils durchſpähe Sprüche und wahrhafte Gleichniſſe inmitten der Menſchen Menge wechſelt in der Dichtung ab mit den mannigfachſten Scenen aus dem bunten Treiben des Volkslebens, und wenn dieſelben manchmal in heiterem, ja ſcherz⸗ haftem Ton zur Darſtellung kommen, ſo geſchieht dies immer da, wo nach einer mächtig geiſtigen Er⸗ hebung zum Ueberſinnlichen auch das äußere Leben wieder zu ſeinem Rechte kommen ſoll, oder wo der Dichter gleichſam einen Moment der Ruhe ſucht vor einer Alles überwältigenden, das Gemüth tief er⸗ ſchütternden Begebenheit. Auf dem Berge hatte der Gebornen Mächtigſter, der Landeswart, mit lauterem Herzen die Leute gelehrt, wie ſie Gottes Lob wirken ſollten, und als ſie ſeine liebliche Lehre vernommen, ließ er die Schar der Männer zur Heimath hinziehen, undnach dreien Tagen ging er ſelbſt nach Galiläa, wo zum Gaſtmahl war gebeten Gottes Geborner. So folgt nach der erhabenen Heilsverkündigung und gewaltigen Geſetzesauslegung in der Bergpredigt,wo den Helden des Hochherrlichen ſo viel verkündet wird von des Waltenden Sohn, die Hochzeit zu Kana, und in den die Außenſeite dieſer Geſchichte ſchildernden Scenen werden wir in das heitere Treiben eines ländlichen Feſtes verſetzt, wie es dem nieder⸗ ſächſiſchen Dichter als ein Bild aus dem heimathlichen Volksleben vorſchwebt.Wonne war da viel, in Luſten ſah man die Leute beiſammen, gutgemuthe Gäſte, und umher gingen Diener, Schenken mit Schalen trugen ſchieren Wein in Krügen und Kannen, und groß war des Feſtmahls Freude. Dem argliſtigen Anſchlage auf das Leben Johannes des Täufers, der mit dem Morde des Unſchuldigen endete, geht der Bericht über die Feier des hohen Geburtsfeſtes voraus, wozuder König nach des Volkes Brauch eine mächtige Menge der Mannen geladen hatte; in dem Feſtſaal, wo der Herr ſaß auf dem Königsſtuhl, waren ſie verſammelt und wurden guter Dinge und froh zufrieden, da ſie ihres Feſtgebers Wonne ge⸗ wahrten. Man trug Wein in die Halle, Schenken ſchwärmten umher, aus Goldgefäßen gießend. Da ward der Jubel laut, und um die Wonne zu mehren, fordert der König ſeines Bruders Kind auf, vor den Tiſchgenoſſen zu tanzen, über den Eſtrich ſchwebend; tragiſch endet das Mahl,denn unlange währt es, bis man in die Halle das Haupt brachte des großen Volksfreundes, der ſeines Gleichen nicht hatte vorher noch nachher. Auch der Ernſt der letzten Einkehr des Herrn in Jeruſalem, derſchon wußte, welche Angſt und Noth ihm zukünftig wäre, wird gemildert durch die liebliche Schilderung des Feſtzuges, da ihm viel williges und wohlgeſinntes Volk entgegenging, das ihn feſtlich empfinge und vor ihm den Weg beſtreute mit Gewändern und würzigen Kräutern, Blumen und Blüthen und der Bäume Zweigen, wohin ſeine Fahrt ging. Aber der Herr iſt ſchmerzlich betrübt, denn mit ſchwerem Herzen ſchaut er im Geiſtedie Wehgeſchicke, die der Stadt Jeruſalem noch werden ſollen; denn mit Heeresſtärke wird die weltkunde Burg umlagert von feindlichen Völkern, Feuerflammen verwüſten ihre Wohnungen, die hohen Wälle fällen ſie zu Boden; die Stätte wird wüſte zu Jeruſalem, ſchwere Kriegsworte verfehmen das Volk, weil es nicht erkennt noch weiß, daß es heimſucht des Waltenden Kraft. Und zuletzt, da das Friedens⸗ kindwohl weiß, daß es dieſe Welt aufgeben ſoll und das Gottesreich ſuchen und zu ſeines Vaters Erbe fahren, verſammelt er nochmals die Seinen amWeihtag, ſetzte ſich zu den Geſellen, ſagt ihnenlang⸗ fördernden Rath und tröſtet ſie mit den Worten:Ihr ſeid nun betrübt meinen Tod zu wiſſen, jammert