Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Die mit hiſtoriſcher Treue und mit Liebe und Hingabe für die Sache ſelbſt erzählten Thatſachen erhalten durch die hohe poetiſche Anſchauung der ganzen Heilsverkündigung Leben und Bewegung. Die Perſonen, ſoweit ſie Antheil an den erzählten Ereigniſſen haben, erſcheinen in ihrer vollen Eigenthümlich⸗ keit und ſind daher lebensvolle Geſtalten, die ganz in dem Charakter der Deutſchen, ja der Niederſachſen auftreten, wie ſie der Dichter als ſeine Volksgenoſſen vor Augen hatte. Die Frauenminniglich und wonneſam, milden Sinns und guten Willens, die Männer ſtark, zuverläſſig und treu, und in ſolcher Mannestreueweilen ſie bei ihrem König und dulden mit dem Dienſtherrn; das iſt des Degens Ruhm, daß er ſeinem Fürſten feſt zur Seite ſtehe und ſtandhaft mit ihm ſterbe.Stehn wir all' ihm bei, ſagt Einer für Alle,folgen ſeiner Fahrt, laſſen Freiheit und Leben uns wenig werth ſein; wenn wir im Volke mit ihm erliegen, dem lieben Herrn, dann bleibt uns noch lange bei den Guten guter Nachruhm. Des wehrhaften Mannes höchſte Tugend und Ehre iſt, neben aller Freiheit der Selbſtbeſtimmung, dank⸗ bare Treue und Anhänglichkeit an ſeinen milden, gnädigen Gefolgsherrn. Abfall und Untreue ſind die ärgſten Frevel.

Die Perſonen der Dichtung ſind demnach ſämmtlich Geſtalten mit dem Gepräge der Zeit und des wirklichen Lebens. Nur in der Perſon Chriſti ſelbſt macht der Dichter eine Ausnahme.

Der waltende Chriſt überragt durch ſeine Herrlichkeit, durch ſeine göttliche Größe alle Formen des gewöhnlichen Lebens, wie der Held in der antiken Tragödie.Erzählen mag es Niemand, noch er⸗ achten auf Erden, was allein durch ſeine Kraft in dieſem Mittelgarten Großes vollbracht ward und Wunders gewirkt, denn in ſeiner Hand ſteht Alles, Himmel und Erde. Der heilige Chriſt iſt dem Dichter Anfang und Ausgang des größten Weltereigniſſes. Die aus dem Kern des Lebens, aus der Ver⸗ ſchlingung der einzelnen Ereigniſſe hervortretenden Geſchicke ruhen in ſeiner Hand, und das Walten ſeiner rettenden Liebe und Erbarmung durchleuchtet neben dem Geſetz gerechteſter, göttlicher Vergeltung alle Be⸗ gebenheiten, von ihm gehen dieſelben aus, auf ihn weiſen ſie zurück. Wie die einzelnen Erzählungen der Dichtung ſtets in einem Heilswort oder einer Heilsthat des Friedefürſten gipfeln, ſo wird das Ganze zu einem faſt dramatiſch bewegten Gedicht, das die Erlöſung der Welt beſingt und Chriſtus überall als Heil- und Lebensſpender verkündet.

Mit der Ehrfurcht vor dem Göttlichen überhaupt und mit einem faſt prophetiſchen Einblick in die weltbewegenden Ideen des Evangeliums verbindet der Dichter zugleich einen überaus natürlichen, verſtänd⸗ nißvollen Sinn für die Außenwelt und die mannigfachen Eindrücke derſelben auf das Menſchenleben. Auch dieſe Außenwelt, weil in ihren Erſcheinungen und in ihrem Zuſammenhang mit der Natur meiſt ſchön und von friſchem, jugendlichen Geiſt in ihrer Schönheit erkannt und rein aufgefaßt, erfüllt des Dichters Herz mit Freude und Luſt und macht es ihm möglich, auch nach dieſer Seite hin dem Geiſte des Evangeliums gerecht zu werden. Zwar trugen gerade die Erſcheinungsformen dieſer Außenwelt in Natur, Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen nach den urſprünglichen Worten der evangeliſchen Geſchichte manche fremde Züge für das deutſche Auge, aber einem Dichter von ſo tiefem Gefühl für Natur und Menſchenleben fällt es nicht ſchwer, durch Umkleidung des Ausländiſchen und Fremden in heimathliche Geſtalt und Farbe das Evangelium auch im Hinblick auf mehr äußere Dinge volksthümlich zu geſtalten. So ſind es denn nicht die lieblichen Stätten des galiläiſchen Landes mit ihren ſonnigen Triften und wogenden Aehrenfeldern oder die belebten Ufer des ſchimmernden Sees von Genezareth, die den land⸗ ſchaftlichen Hintergrund der Dichtung bilden, ſondern die waldigen, rauheren, ja winterlichen Gegenden Deutſchlands, von Gebirgen durchzogen, da die Burgen auf hoher Holmklippe ſtehen, ſind der Schauplatz der heiligen Geſchichte. Das unermeßliche Meer mit ſeinen Stürmen und Schrecken,wenn in des Wetters Kraft und im Wirbelwinde die Wogen ſteigen, ſo daß wetterfeſte Männer die Segel hiſſen und das hoch⸗ gehörnte Schiff vom Meerſturm treiben laſſen, aber dann auch wiederdie ruhige See mit ihrer ſchimmernd glatten, zur Schifffahrt einladenden Fläche ſind Bilder, die in der. Dichtung öfters wiederkehren. Die Städte des heiligen Landes erſcheinen gleich mittelalterlichen Burgen mit Thürmen,