Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Die Sage läßt dieſes Epos des Neuen Teſtaments durch göttliche Erleuchtung von einem der Edelſten des Volkes geſchaffen ſein, die Geſchichte berichtet, daß Ludwig der Fromme den Verfaſſer des Heliand ermuthigte oder beauftragte, dieſe Dichtung zur Erbauung ſeiner neubekehrten Landsleute zu ſchreiben.

Nach langen Kämpfen war Karl der Große Sieger geblieben über die heidniſchen Sachſen, und als Sieger brachte er ihnen das Chriſtenthum; aber während bei allem Streben nach Kultur und Wiſſen⸗ ſchaft in ſeinem eigenen Reich doch innerhalb der gelehrten Kreiſe ſeiner Schulen die Keime zu einer ſcholaſtiſchen Entwicklung des chriſtlichen Glaubens nicht zu verkennen ſind, bewahrten ſich die Sachſen, ihrem germaniſchen Charakter getreu, eine freie ſelbſtändige Stellung dem Worte des Evangeliums gegen⸗ über. Sie wurden durch dies Wort dem Chriſtenthum gewonnen, dienten fortan demſelben in ganzer Treue religiöſer Ueberzeugung und ließen dasſelbe eine Geſtalt gewinnen in ihrem inneren und äußeren Leben. Daß aber das Chriſtenthum kurze Zeit nach der Bekehrung dieſes Volkes ſich in Wahrheit geiſtig tief, lauter und wahr geſtaltete, das zeigt uns jene hohe Dichtung, die für ein edles deutſches Volk ein Ruf zur Gefolgſchaft des Heilands und ewigen Friedefürſten werden ſollte.

Der Dichter erzählt das Leben und die Thaten des Heilands im Anſchluß an die vier Evangelien, aber nicht in ängſtlichem Gebundenſein an irgend welche kirchliche Lehranſchauung, ſondern in freier Auf⸗ faſſung eines treuen chriſtlichen Gemüths und eines echt poetiſchen Geiſtes, und ſein Singen und Sagen geſchieht im Ton des alten Heldenlieds.Was Klopſtock wollte, ſagt Simrock, und nicht vermochte, das chriſtliche Epos dichten, das war vor tauſend Jahren einem neubekehrten Sachſen gelungen. Nicht das fränkiſche Schwert, die Herrlichkeit des Chriſtenthums, die himmliſche Milde ſeiner Lehren hatte ihn dem Friedenskinde Gottes gewonnen. Seinen Namen verſchweigt er, beſcheiden tritt er zurück hinter ſeinem Volke, deſſen Stimme er iſt, wie in aller echten epiſchen Dichtung die Perſönlichkeit des Sängers vor ſeinem großen Gegenſtande verſchwindet. In dieſem Sinne iſt es wahr, daß der Heliand das einzige chriſt⸗ liche Epos iſt, das in deutſches Blut und Leben verwandelte Chriſtenthum. Dies begeiſterte Urtheil Simrock's wird zwar von andern Kennern unſerer alten deutſchen Poeſie nicht ganz getheilt, vielleicht aus einer gewiſſen Abneigung gegen den darin behandelten Stoff; aber dennoch wird der hohe Werth dieſer Dichtung von Allen anerkannt, wenn auch von den Einen mehr im Hinblick auf Form und Sprache, von den Andern auch rückſichtlich des Stoffs nach Auffaſſung und Darſtellung. Und ſelbſt wenn dieſelbe, wie alle epiſchen Volksdichtungen, der Geſammtheit angehörte zund demnach gleichſamder lebendige be⸗ geiſterte Wiederhall religiöſer Ueberzeugung des geſammten für das Chriſtenthum gewonnenen Sachſenvolks iſt, ſo bewundern wir allezeit einen hohen, dichteriſch begabten Geiſt, der im Stande war, dieſes religiöſe Geſammtbewußtſein ingleichmäßig durchgebildeter Form zum Ausdruck zu bringen.

Rein und tiefinnig iſt die Auffaſſung des Evangeliums in unſrer Dichtung, friſch und lebendig trägt ſie die göttliche Wahrheit in's Menſchenleben über und läßt dasſelbe überall durch Chriſti Wort und That verklärt und geheiligt werden. Die ewig wahren Offenbarungen des Chriſtenthums von des Menſchen Sünde und Elend ohne Gott und von des Menſchen Heil, wie es nach Gottes Rathſchluß in die Welt und jedes Menſchenherz kommen ſoll durch das große Friedekind, treten ſo klar und überzeugend aus der ganzen Dichtung hervor, daß ſie weder eines beſonderen Beweiſes, noch einer weiteren belehrenden Ausführung bedürfen; eine vollendetere Mittheilung, als dieſe höchſten Wahrheiten in der Wiedergabe der Bergpredigt und der Gleichniſſe des Herrn gefunden, iſt daher kaum denkbar; ſie müſſen in dieſer Form zu vollem Verſtändniß kommen und einen Wiederhall finden in jedem Menſchenherzen, wie das Evangelium ſelbſt, und fanden ihn auch in hohem Grade bei einem Volke,das nach Charakter und Naturanlage zur Aufnahme des lauteren Evangeliums gleichſam prädeſtinirt war. ¹)

¹) Vergl. J. Ley in den Proteſt. Monatsbl. 1863.