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Einen Erſatz ſollten dann Schriften bieten, wodurch jene Lehrer eines neubekehrten Volkes ihre Katechumenen, zunächſt allerdings mehr in geſetzlicher und ſymboliſcher Weiſe, für das mündige Chriſtenthum zu erziehen und heranzubilden ſuchten. Sie beſchränkten ſich alſo nicht darauf, blos die äußeren Zeichen des Heidenthums durch ſtrenge Beſtimmungen gegen Zauberei, Wahrſagerei, Todtenopfer u. ſ. w. zu be⸗ ſeitigen, ſondern vor allem waren ſie darauf bedacht, von der Sprache, den Sitten, dem Charakter des Volkes Kenntniß zu erlangen. Das Verſtändniß dieſer weſentlichen Momente des Geſammtlebens eines Volkes ſollte der Ausgangspunkt für ihre weitere Miſſionsthätigkeit werden, und die von ihnen gegrün⸗ deten Klöſter und Schulen wurden dann die ſtillen und ſicheren Stätten, von denen Chriſtenthum und Civiliſation in alle Kreiſe des nationalen Lebens übertragen wurde. Die erſten religiöſen Schriften, die theils der Ueberlieferung und Befeſtigung des Glaubens und der Kirchenzucht, theils der Bildung der aus der Fremde neu herzukommenden, oder aus dem Volke ſelbſt nachwachſenden Geiſtlichkeit dienten und und zu dieſem Zweck daher in deutſcher Sprache abgefaßt waren,¹) haben dort ihre Heimath, und wir erſehen aus den deutſchen Ueberſetzungen vieler lateiniſcher Hymnen, des Credo's, des Vaterunſers und einiger Theile des neuen Teſtaments, daß die Einſicht dieſer Männer ſie von ſelbſt dazu brachte, das⸗ jenige zu thun, was ſpäter Karl der Große ſeinem Klerus durch wiederholte Capitularien einſchärfen mußte. ²)
Die hohe Bedeutung der regen geiſtigen Wirkſamkeit ſolcher Männer für die religiös⸗ſittliche Er⸗ ziehung und Charakter⸗Durchbildung der germaniſchen Völker ſetzte ſich bis in die Zeit Karls des Großen fort; ja die Annahme iſt nicht ausgeſchloſſen, daß Kaiſer Karl, nachdem er alle germaniſchen Völker unter ſeinen Scepter und zur Staatseinheit gebracht, durch die vorbereitende Arbeit jener erſten Verkündiger des Evangeliums auf deutſchem Boden die eigene Verpflichtung immer klarer erkannte, Kunſt und Wiſſenſchaft der Vor⸗ und Mitwelt in die Kirche ſeines Reichs und auf germaniſches Gebiet überhaupt noch voller hinüberzuleiten, als dies bisher geſchehen war. Sein weit ausſchauender Geiſt verſchmäht es dabei nicht, neben der kirchlichen Gelehrſamkeit auch antike Kunſt an ſeinem Hofe zu pflegen; Gelehrte, aus allen Theilen ſeines weiten Reichs berufen, halfen ihm ſein großes Werk fördern. Aber die von denſelben ge⸗ pflegte Gelehrſamkeit, ſowie die von ihnen eingeführte fremde Dichtung und Kunſt ſollte das Heimathliche durchaus nicht beeinträchtigen, ſondern nur zu ſchnellerer und ſchönerer Entwicklung bringen.³) So wirkte Alles zuſammen, ein neues geiſtiges Leben zu wecken, das in ſeinen mannigfachſten Erſcheinungen die Zeit des fränkiſchen Karl ſo ſehr auszeichnete.
Auch die heimathliche Dichtung erfuhr die Gunſt dieſer Zeit, denn wir verdanken der Liebe Karls des Großen für vaterländiſche Sprache und Poeſie ſowohl den Verſuch einer deutſchen Grammatik, wie die Sammlung der alten Heldenlieder und Nationalgeſänge.
Der Weg, den Karl zur Förderung deutſcher Sprache und Dichtung einſchlug, wurde zwar nach ſeinem Tode nicht in gleicher Weiſe fortgeſetzt; aber ganz verlaſſen hat man denſelben fortan nicht mehr. Der ausgeſtreute Samen war auf guten Boden gefallen, und wenn er auch den Sonnenſchein königlicher Gunſt unter Ludwigs des Frommen Regierung faſt ganz entbehren mußte, ſo fand er doch in den von Karl gegründeten Anſtalten und durch die an denſelben im Geiſte ihres Stifters wirkenden Männer fort⸗ geſetzt einen ſicheren Schutz und ſorgſame Pflege. Selbſt Ludwig der Fromme, deſſen geiſtiger Blick in jugendlicher Zeit noch freier war und ſich über die Schranken der bloſen Kirchlichkeit erweiterte, der aber in ſpäteren Jahren an Sang und Spiel heimathlicher Art Aergerniß nahm, ja den die alten deutſchen Geſänge, die ihm ſeine Jugendbildung nahe gebracht hatten, mit Abneigung erfüllten, ſollte dennoch in einem einzigen Falle der Gönner eines deutſchen Mannes werden, der berufen war, durch ſeine Dichtung dem Heiland auf die herrlichſte Weiſe einen Weg zu bereiten in den Herzen ſeines Volkes.
¹) Vergl. Wackernagel, Geſch. der deutſchen Literatur. ²) Max Müller, Eſſays. ²) Vergl. Gervinus, Geſchichte der deutſchen Dichtung. 1853 I.


