Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Zunächſt ſollten zwar dieſe Völker das Chriſtenthum in ſeiner urſprünglichen, einfach lauteren Geſtalt nicht ſchauen; aber der eigentlich geiſtige Gehalt desſelben konnte ihnen auch nicht lange vorent halten werden; denndie Innerlichkeit, Wahrheit, Idealität des germaniſchen Grundcharakters erlaubten nicht, eine Religion auf bloſe Autorität hin in geſetzlicher Weiſe äußerlich nur darzuſtellen; der deutſche Geiſt muß ſeine Religion erleben, erfahren, erfaſſen, ihre Objektivität in ſubjektiver Anſchauung und Ge⸗ ſtaltung wieder geben. Nicht blos im Laufe ſpäterer Jahrhunderte, ſondern gleich anfangs bei dem erſten Bekanntwerden mit dem Chriſtenthum ſollte dieſe Eigenart des germaniſchen Geiſtes zu Tage treten; denn ein Volk von ſo reicher Begabung, deſſen Charisma vor allem in der Lebenswahrheit ſeiner Religion ruht, war auch berufen, die ewigen, unverlierbaren geiſtigen Schätze des Chriſtenthums zu ſuchen und zu finden, trotz der Schlacken und des Flittergoldes, in dem dieſelben damals ſchon theilweiſe verborgen lagen. Und daß es dieſe Schätze zu heben wußte, davon zeugt die Geiſtesthat des gothiſchen Biſchofs Ulphilas. Er überſetzte die Bibel in die Sprache ſeines Volkes zu einer Zeit, wo Griechiſch und Latein für die zwei einzigen angeſehenen und eigentlichen Sprachen in Europa galten, als ob er mit prophetiſchem Auge vor⸗ ausgeſehen, daß die Sprache deutſcher Volksſtämme nach dem Abſterben der griechiſchen und lateiniſchen für die ganze civiliſirte Welt der lebendige Quell des Evangeliums zu werden beſtimmt war.) Wenn wir überdies hören, daß Ulphilas in dieſer Ueberſetzung die Bücher der Könige ausließ, um ſeine Gothen nicht noch kriegeriſcher zu machen, als ſie es ſchon waren, ſo kann dieſe Behandlung der heiligen Schrift einAnfaſſen der Bibel mit dem Geiſte Luthers genannt werden. In dieſer kritiſchen Anſchauung ſtand übrigens damals ſchon Ulphilas nicht vereinzelt. Es überraſchte, erzählt Neander, den gelehrten Hieronymus zu Bethlehem(im Jahr 403), einen Brief von zwei Gothen, Sunnia und Fretela, zu empfangen, in welchem ſie ihn über mehrere, in den Pſalmen ihnen auffallende Differenzen zwiſchen der gewöhnlichen lateiniſchen Ueberſetzung und der alexandriniſchen befragten, und Hieronymus beginnt ſeine Antwort mit den Worten: Wer ſollte es glauben, daß die barbariſche Zunge der Gothen nach dem reinen Sinne der hebräiſchen Urſchrift forſchen würde, und daß, während die Griechen ſchlafen, oder vielmehr mit einander ſtreiten, Deutſchland ſelbſt das göttliche Wort betrachten würde. ²)

Die Arbeit eines Ulphilas für die weitere Ausbreitung dieſes göttlichen Wortes nahm ſpäter eine Reihe begeiſterter Männer wieder auf, die der Mehrzahl nach aus England und Irland kamen, um den verſchiedenen germaniſchen Stämmen das Evangelium zu verkünden. Man macht dieſen Männern oft den Vorwurf, daß ſie in allzu rückſichtsloſer Weiſe die Macht des Heidenthums zu brechen ſuchten, und daß ihr Streben im Dienſte der Kirche leider dahin ging, nicht blos die mit heidniſcher Religion und Sitte zuſammenhängenden Erſcheinungen des äußeren Lebens, ſondern auch die in ſo reichem Maß vorhandenen Lieder der ſangbegabten deutſchen Stämme auf alle Weiſe zu verdrängen und zu vertilgen. Gewiß iſt es zu beklagen, durch den übergroßen Eifer mancher chriſtlichen Sendboten die alten dichteriſchen Denk⸗ mäler der Vorfahren vernachläſſigt oder gar vernichtet zu ſehen; aber bei Beurtheilung ſolcher Thatſachen iſt auch nicht zu vergeſſen, welcher Aufgabe dieſe Männer beim Beginn ihres Miſſionswerks gegenüber⸗ ſtanden. In großen Maſſen traten meiſtens dieſe Völker, ihren Führern in alter Treue folgend, der neuen Lehre zu; natürlich waren ſie anfangs nur unmündige Chriſten, aber aus unmündigen ſollten ſie nun in der ſtrengen Schule chriſtlichen Lebens erzogen werden zu mündigen Bekennern des lebendigen, freien Chriſtenglaubens. Kein Wunder, wenn daher jene Sendboten dem heidniſchen Geſang eines Volkes nicht hold waren und vielmehr in ein gewiſſes feindſeliges Verhältniß zu den dichteriſchen Denkmälern traten, die mehr oder weniger mit dem alten Glauben zuſammenhingen, und worin ſie mit Recht eine weſentliche Stütze des Heidenthums erblickten.

¹) Vergl. Max Müller, Eſſays III. ²) J. P. Lange, die Kirche in ihrer Wechſelwirkung mit den Nationalitäten. Prot. Monatsbl. 1853.