Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Ueber

die kulturgeſchichtliche Bedeutung der älteren religiös⸗ethiſchen Dichtungen in der deutſchen Literatur.

Als die germaniſchen Völkerſtämme im großen, vielverſchlungenen Zug der Völkerwanderung aus dem Oſten gegen Süden und Weſten heranſtürmten, den oſtrömiſchen Thron in Byzanz wiederholt er⸗ ſchütterten und die Herrſchaft des weſtrömiſchen Reichs zertrümmerten, geſchahen auch innerhalb dieſer Völker ſelbſt Umwandlungen, die bedingt waren von dem Wegzug aus der Heimath, von dem Verlaſſen ſeitheriger Lebensweiſe, von dem Einwandern in Länder, die überall rückſichtlich nationaler und religiöſer Erſcheinungen Neues entgegenbrachten und zu Veränderungen mancherlei Art in Denk⸗ und Lebensweiſe aufforderten. Nur einige dieſer Stämme hatten in ihrem friedlichen oder kriegeriſchen Verkehr mit den Oſtrömern das Chriſtenthum ſchon frühe kennen gelernt und in einer allerdings ſchon ziemlich veräußer⸗ lichten Geſtalt angenommen. Die Mehrzahl dieſer Völker waren Heiden und pflegten eine einfach erhabene Naturreligion, deren Urſprung auf den ſonnigen, paradieſiſchen Höhen Inner⸗Aſiens zu ſuchen iſt. Aber ſie waren Heiden von dem edelſten Stoffe, von einer reichen Fülle des Gemüths⸗ und Geiſteslebeus. Mochten ſie daher auch zunächſt in der Hoffnung auf reiche und glänzende Beute nach den ſchönen Ländern der ſüdlichen Sonne immer weiter vordringen, ſo iſt doch damit die Annahme nicht ausgeſchloſſen, daß auch eine tiefere Sehnſucht nach der Kultur des Südens, gleichſam eine Ahnung ihrer künftigen Be⸗ ſtimmung für das religiöſe Leben innerhalb der Länder, in denen ſie zur Herrſchaft berufen waren, ſie mit in Bewegung ſetzte. Zeugniß dafür ſind die edelſten Grundgedanken der germaniſchen Mythologie, die in ihrem Anklingen an die chriſtlichen Ideen uns erkennen laſſen, daß nicht nur Sprachen, ſondern auch Religionen, und zwar gerade die edelſten, auf eine gemeinſame Heimath und Offenbarung zurückzuführen ſind. Zwar traten einzelne dieſer Völkerſtämme auf dem für ſie neuen Kulturboden nichts weniger als ehrerbietig auf; unter ihren Füßen ſollte derſelbe vielmehr erzittern; eine Menge reicher Kultur⸗ erſcheinungen, welche als Erbe aus der beſten Zeit helleniſcher Kunſt auch jetzt noch bei den Epigonen auf römiſchem und griechiſchem Boden hoch in Ehren ſtanden, wurden zertrümmert, ebenſo wurden die ſtolzeſten Baſiliken in Aſche gelegt und die herrlichſten Gebilde byzantiniſcher Kunſt zerſtört oder als Beute hinweggenommen. Und dennoch währte es nicht lange, ſo beugten dieſe Zerſtörer heiliger Stätten ihre Kniee vor den ſchuttumgebenen Altären; denn zu derſelben Zeit, da einer der kleinſten Schwärme wandernder Germanen unter Odoaker der ausgelebten Rieſengeſtalt des weſtrömiſchen Reichs ein Ende machte, trug die Kirche über den Trümmern ihrer Stiftungen den vollſtändigſten geiſtigen Sieg über die Heeresmaſſen ihrer äußeren Ueberwinder davon.

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