Aufsatz 
Das Schreiben und die Schrift. Schulrede
Entstehung
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zum Nachfahren und ähnliche Hülſsmittet gehören hierher, darunter auch Mhancheih was ſich als Spielerei oder vollkommen mechaniſche Abrichtung nicht erhalten hat.

Von einem weſentlichen Einfluß erwies ſich die von dem engliſchen Schreibmeiſter Garſtairs in den dreißiger Jahren gegebene Anregung im Schreibunterricht, die in Frankreich und Deutſchland, namentlich durch Audoyer, Eingang gefunden hat. Derſelbe unterwarf die Mitwirkung, welche die Finger, die Hand und der Arm bei dem Schreiben haben, einer aufmerkſamen und eingehenden Betrachtung. Eine zweckmäßige Federhaltung wurde nöthigenfalls durch Anlegung eines Verbandes erzwungen. Dem Schreiben ſelbſt aber ließ man eine Reihe von Vorübungen vorhergehen, beſtehend im Ziehen horizontaler und ſchräger Striche, in der Ausführung ovaler, geſchwungener und verſchlungener Linien, um ſo der Hand Feſtigkeit und Gelenkig⸗ keit zu geben. Durch ein ſtrenges Einhalten dieſer Methode und Fortſetzung der Vorübungen bis zur Ermüdung ſollte die Erlernung einer ſchönen und geläufigen Handſchrift in der kürzeſten Zeit erzielt werden, und es unterliegt keinem Zweifel, daß bei Erwachſenen, die hinreichend Willens⸗ und Körperſtärke beſitzen, dieß in der That ſich erreichen läßt.

Hierauf gründen ſich die nachfolgenden und noch jetzt andauernden Schnellſchreibeurſe der wandernden Schreiblehrer, die ſich meiſt Profeſſor nennen und ſich verbindlich machen, in 10, 15, 20 Stunden das Schreiben vollkommen zu lehren und die verdorbenſte Handſchrift des Schülers in eine gute umzuwandeln. Oeffentlich ausgehängte Proben der erzieſten Erfolge und Zeugniſſe ſollen dieſe Verheißungen bekräftigen.

Dieſelben laſſen ſich nicht durchaus als Marktſchreierei bezeichnen. Es ſind in der That Beiſpiele bekannt, daß Perſonen durch ſolche Lehrcurſe ihre Handſchrift weſentlich und dauernd verbeſſert haben. Allein es waren dieß erwachſene Perſonen, deren Lebensſtellung von der Beſſerung ihrer Handſchrift abhing, die alſo mit vollſter Energie und Ausdauer die Sache angriffen. Die Mehrzahl dagegen, der dieſer Sporn fehlt, fällt wieder in die alte, ſchlechte Gewohnheit zurück. Man erſieht hieraus, daß ein ſolches Verfahren für die Schule nicht geeignet iſt.

Als weitere Methoden, welche in dem Volksunterricht Eingang gefunden haben, ſind noch anzuführen die Schreibleſemethode und die Taktſchreibmethode. Die erſte ſucht in naturgemäßer und erfolg⸗ reicher Weiſe die Erlernung des Schreibens mit dem Leſen Hand in Hand gehen zu laſſen und iſt jetzt ſo ziemlich allgemein geworden, zum Erſtaunen der alten Leute, wenn ſie ſehen, daß die Kinder, jetzt eher ſchreiben können, als leſen. Bei der Taktſchreibmethode machen die Schüler die Auf⸗ und Abſtriche der Buchſtaben auch auf das Commando nach einem gewiſſen Takt, und es hat dies den Zweck, einer ganzen Klaſſe Gleichmäßigkeit und Geläufigkeit im Schreiben zu verleihen.

Aber mit der Handhabung aller Methoden iſt auch eine gewiſſe Bedenklichkeit verbunden, beſonders von Seiten ihrer Erfinder oder geiſtloſer Nachahmer. Es iſt dies das Ueberhandnehmen einer Einſeitigkeit, die am Ende zu einer mechaniſchen, pedantiſchen Betreibung des Geſchäftes führt und ſich unzugänglich und unduldſam für jede abweichende Auffaſſung und fortſchreitende Bewegung zeigt. So kann der ſtarre Methodiker dem Fortſchritt ebenſo hinderlich werden, als der planloſe Empiriker.

Endlich haben wir noch mit einigen Worten der neueſten Erſcheinung im Gebiete der ſchriftlichen Darſtellung zu gedenken, der Geſchwindſchreibung oder Stenographie. Ihren hohen Werth in geeigneten Fällen vollſtändig anerkennend, glauben wir, daß dieſelbe doch ſchwerlich eine allgemeine Verbreitung finden wird. Den Grund hierzu finden wir vornämlich darin: Die gewöhnliche Schrift, ſelbſt unvollkommen erlernt, erweiſt ſich nützlich und verwendbar,; ſoll aber die ſtenographiſche Schrift den erwarteten Vortheil gewähren, ſo muß ſie bis zu einer Vollkommenheit und Meiſterſchaft erlernt werden, die ſchwer erreicht, und leicht verlernt wird.

Nachdem wir nun ſo Vieles geſagt haben über Entſtehung und Entwicklung der Schrift und des Schreibens, über Schreibweiſe und Ductus, Lehrweiſe und Methode, liegt vielleicht Manchem die Frage nahe: Wie ſchrieben und ſchreiben denn unſere großen Dichter und Denker, Forſcher und Ge⸗ lehrte, Helden und Staatsmänner?