Aufsatz 
Das Schreiben und die Schrift. Schulrede
Entstehung
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Schlecht genug, lautet die Antwort, was die Form betrifft. Ja, man kann hinzufügen, daß es in den gelehrten Ständen zu einer Art von Gewohnheit wurde, der nicht ſelten die Eitelkeit zu Grunde lag, ſich eine recht eigenthümliche, wo möglich unleſerliche Hand anzugewöhnen, und es mußten wiederholt die ſchärfſten landesherrlichen Verordnungen erlaſſen werden, wo dies dem öffentlichen Dienſt ſich nachtheilich erwies.

Laſſen wir, dem alten Sprüchworte folgenddocti mali pingunt die Gelehrten ſchreiben ſchlecht denſelben ihre originelle Schreibart in Gehalt und Form. Aber wir, die wir für den Verkehr des Lebens, für den kaufmänniſchen und gewerblichen Beruf unſere Jugend erziehen, haben das größte Gewicht darauf zu legen, daß dieſelbe nicht nur richtig, ſondern auch ſchön ſchreiben lernt.

Aus dieſem Grunde haben wir das Schreiben zum Gegenſtande unſerer heutigen Beſprechung gewählt, um bei Schülern, Aeltern und Lehrern, Theilnahme und Nachdenken dafür zu erregen.

Für unſere Schule iſt das deutliche und gefällige Schreiben ein Gegenſtand von hoher Bedeutung. Denn im Geſchäftsleben legt man den größten Werth auf die vortheilhafte äußere Erſcheinung. Wer mit Anderen verkehrt, wer dieſelben für ſich und ſeinen Vortheil gewinnen will, muß vor allen Dingen es ver⸗ ſtehen, ſeine Perſon, ſeine Erzeugniſſe, ſeine Leiſtungen und Waare in einer anſprechenden Weiſe vorzuführen. Denn hier, wo eine längere Prüfung oft nicht möglich iſt, wird meiſt der erſte Eindruck entſcheidend. Ein Brief ſei noch ſo gut abgefaßt, wenn er ſchlecht geſchrieben iſt, ſo macht er auf den Empfänger einen nach⸗ theiligen Eindruck für den Schreiber.

Warum ſollen wir alſo nicht mit aller Sorge dahin ſtreben, daß wir neben der Gediegenheit im Wiſſen auch die Gefälligkeit in der Darſtellung erreichen? Schreibe richtig, aber ſchön! Iſt ja doch die Uebereinſtimmung von Inhalt und Form, von Gedanken und Ausdruck, von Ideal und realer Geſtaltung das höchſte Ziel alles Strebens im menſchlichen Wirken. Bedarf nicht die Tugend auch der Tebe, um wohl⸗ gefällig zu erſcheinen vor Gott und den Menſchen?

So ſchließen wir denn unſere Betrachtung mit dem Wunſche, daß es uns mehr und nueßr gelingen möge, die innere und äußere Bildung des Menſchen harmoniſch zu vereinigen, daß wir dem Vaterlande tüchtige Bürger erziehen, die recht denken, würdig erſcheinen und gut handeln!

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