Aufsatz 
Das Schreiben und die Schrift. Schulrede
Entstehung
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Wo haben wir nun den Anfang dieſer vervolllommneten Schreibart zu ſuchen?

Wie bereits erwähnt, verläßt uns hierüber jede zuverläſſige Kunde. Nur ſo viel ſcheint unzweifel⸗ haft, daß die Phö nizier es waren, welche die Kenntniß der Buchſtabenſchrift ſchon in den früheſten Zeiten beſaßen und durch ihren ausgedehnten Handelsverkehr verbreiteten. Ihnen ſelbſt aber ſoll ſie aus dem rück⸗ wärts liegenden, mittleren Aſien überliefert worden ſein, woher wir die Abſtammung unſerer Getreide⸗, unſerer Obſtarten, ja, die unſeres eigenen Geſchlechtes ableiten, und das überhaupt als die Wiege der Menſch⸗ heit angeſehen wird. Jedenfalls dürfen wir die Erfindung der Buchſtabenſchrift einem ſemitiſchen Volksſtamm zuſchreiben, und es iſt Thatſache, daß bei einigen derſelben, deren Sprache einſylbig iſt, ganze Sylben durch Zeichen ausgedrückt wurden, die vielleicht den Uebergang zur eigentlichen Buchſtabenſchrift bildeten.

Wohin nun das Bord den phöniziſchen Handelsmann auf den Wellen des Mittelmeeres trug, ver⸗ breitete ſich der Gebrauch der Buchſtahenſchrift, und Aegypten, Karthago und durch weitere Vermittlung die Griechen und Römer empfingen dieſelbe als Ueberlieferung. Allerwärts, wohin ſie gelangte, finden wir ihre Einführung mit den Namhafteſten des Volkes in Verbindung gebracht, und während bei den Phöniziern ſelbſt Thaut oder Thot als ein ſolcher genannt wird, ſchreiben die Griechen dieſes Verdienſt dem Kadmus zu, ja, ſie laſſen mit dieſem noh den Orpheus, den Cecrops und den Linos um die Ehre ſtreiten, ihrem Lande eine Kunſt überliefert zu haben, die das hochgebildete Volk wohl in ihrer ganzen Bedeutung zu wür⸗ digen wußte. Nunmehr in Europa angelangt, ſetzte ſie ihren Weg fort bis zu den Römern und von dieſen allmählich überall hin, wohin dieſes raſtloſe Volk ſeine kriegeriſchen Züge richtete. Nach Deutſchland iſt die Schrift erſt ſpät und auf dem Umweg über England gekommen.

Was nun die Form der Schrift ſelbſt, die Schriftzeichen oder Buchſtaben betrifft, ſo laſſen ſich zwar manche Grundformen bei den verſchiedenen Völkern erkennen, doch ſind andererſeits auch erhebliche Unterſchiede vorhanden, ſo daß der Gedanke an verſchiedene Urſprungsſtätten und Verbreitungsradien der Schrift nicht ganz ausgeſchloſſen werden kann; wie denn die aſſyriſche Keilſchrift und die nordiſche Runenſchrift uicht nur in Raum und Zeit, ſondern auch in Form und Character ſehr weſentlich auseinander gehen.

Es iſt hier nicht unſer Zweck, den an ſich ungemein intereſſanten Gegenſtand nach dieſer Seite wei⸗ ter zu verfolgen und insbeſondere auf die vom höchſten Scharfſinn und durchdringenden Forſchergeiſt zeugenden erfolgreichen Bemühungen hinzuweiſen, welche zur Entzifferung unbekannter alter Schriften, wie der Keilſchrift und der Hieroglyphen, geführt haben. Unverkennbar iſt aber jedenfalls der Zuſammenhang und Uebergang der griechiſchen Schrift in die lateiniſche und von da in alle modernen Schriftformen Europa's. 1G

Von weſentlichſtem Einfluß auf die Ausbreitung des Schreibens erweiſt ſich aber das Vorhandenſein geeigneten Schreibmaterials. Zur Verzeichnung und Verewigung vereinzelter wichtiger Thatſachen mochte ſchon eine Felswand oder ein zugerichteter Steinblockk genügen. Das transportable Schriftſtück aber erfordert ein geeigneteres Material, und hier begegnen wir nun einer ſtauuenswerthen Mannichfaltigkeit. Geglättete Holz⸗ tafeln erweiſen ſich hierzu beſonders dienlich, und es wird berichtet, daß die Geſetztafeln, deren wir bei ver⸗ ſchiedenen alten Völkern erwähnt finden, aus Holz beſtanden haben. Nicht ſo häufig dienten zur ſchriftlichen Aufzeichnung Tafeln von Metall, der ſchwierigen Eingrabung wegen. Doch waren hierzu Platten von Bronce, Zinn und Blei im Gebrauch, und daß derſelbe nicht gerade ein ſeltener war, mag daraus hervorgehen, daß in unſerer Nähe bei Wiesbaden der in Erz gegrabene Abſchied eines römiſchen Soldaten aufgefunden worden eiſt. Wachstafeln nehmen dagegen um ſo leichter die Schriftzüge auf, doch mochten ſie nur zu flüchtigen Auf⸗ zeichnungen dienen, wie dieß auch bei der Schiefertafel der Fall war.

Ein anderes Schreibzeug waren Knochen, insbeſondere die breiten Schulterblätter der größeren Säuge⸗ thiere, ſodann die Blätter der Palmen und anderer großblätteriger Pflanzen. Noch beſſer eigneten ſich jedoch füͤr dieſen Zweck die zugerichteten Häute der Thiere, namentlich, nachdem man in Pergamum denſelben die Eigenſchaften des Pergaments zu geben gelernt hatte, das daher ſeinen Namen führt.

Ja, ſelbſt der Menſch mußte mitunter die eigene Haut hergeben zur Schriftſtellerei. Es wird erzählt, daß ein wildes ſchtiſ ſches Volk ſeine blutigen Geſetze auf Menſchenhaut niedergeſchrieben habe. Auch gibt es eine hübſche Geſchichte des Alterthums, wonach eine wichtige, geheim zu haltende Nachricht auf die geſchorene