Daher iſt Alles, was in der Geſchichte der Völker jenſeits der ſchriftlichen Ueberlieferung liegt, ins Bereich der Sage, der Mythe verwieſen worden. Von den herrlichen Geſängen des Homer hat ſich bei den Völkerſchaften, die trotz aller Vermiſchung doch bis heute noch als direkte Abkömmlinge der alten Griechen ſich anſehen laſſen, durch die mündliche Ueberlieferung auch nicht eine Spur erhalten. Glücklicherweiſe wurden dieſelben ſchriftlich aufgezeichnet, noch ehe ſie aus dem Munde des alten griechiſchen Volkes verſchwunden waren.
Und iſt nicht gerade jene Sammlung der älteſten geſchriebenen Urkunden, in welcher wir den erha⸗ benſten Vorſtellungen von Gott und den früheſten Nachrichten über den Menſchen begegnen— die heilige Schrift genannt worden, in angemeſſener Würdigung ihrer hohen Bedeutung für die Menſchheit!
Wir ſind gewohnt, all' Denen, welche durch nützliche, den Fortſchritt und das Wohl der Menſchheit fördernde Erfindungen Anſpruch haben auf deren Dankbarkeit, dieſe zu zollen, durch Denkmäler und Standbilder. Wem aber ſollte man ein würdigeres Denkmal errichten, als dem Erfinder der Schrift, wenn wir dieſe als die erſte Bedingung der fortſchreitenden Geiſtescultur ſoeben bezeichnet haben!
Vergebens ſuchen wir jedoch in der Geſchichte nach einem Namen, den wir alſo verherrlichen könn⸗ ten. Die Erfindung der Schrift iſt und bleibt wohl auch in unergründliches Dunkel gehüllt und zwar wohl aus keinem andern Grunde, als weil ſie nicht in einer gewiſſen Fertigkeit und Vollkommenheit eines Tages hervortrat, ſondern weil ſie nur ſehr allmählich ſich aus dürftigen Anfängen entwickelt und heraus⸗ gebildet hat. Hierzu geben uns Fingerzeige die älteſten Ueberlieferungen längſt untergegangener Völker, ſowie die Beobachtungen an den Völkern, die noch heute auf niederen Stufen der Cultur ſtehen.—
Es ſteht feſt, daß alle Schrift beginnt mit Bildern und Zeichen, indem gewiſſe Gegenſtände mehr oder weniger vollkommen bildlich dargeſtellt wurden. In der Regel war es Stein, in welchen man dieſe Zeichen eingrub, und es entſtand ſomit die ſogenannte Bilder⸗ und Zeichenſchrift. Ihre Unvollkommen⸗ heit beruhte weſentlich darin, daß ſie nur Gegenſtände darzuſtellen vermochte und keine Vorſtellungen und Begriffe. Es entwickelte ſich daher aus dieſem Anfang die Symbolſchrift, indem gewiſſen gegenſtänd⸗ lichen Zeichen ein Begriff unterlegt werde, etwa wie wir gewohnt ſind, die Schlange als Symbol der Zeit und Ewigkeit und das geflügelte Rad als das der Bewegung, der Geſchwindigkeit zu betrachten. Ohne Zweifel ſind auf dieſe Weiſe die Hieroglyphen der Aegyptier und die Schrift der Chineſen entſtanden.
Aber die Unvollkommenheit ſymboliſcher Schriften iſt augenfällig. Welche mühſame techniſche Aus⸗ führung erfordert ſie und welchen Aufwand von Zeit und Anſtrengung, um tauſende ſymboliſcher Zeichen mit ihren ergänzenden Abänderungen dem Gedächtniß einzuprägen. Da muß natürlich ſchon die bloße Kunſt des Schreibens einen Gelehrten machen und deren Ausübung nur auf eine bevorzugte Claſſe der Bevölkerung beſchränkt bleiben. Es mußte daher der Uebergang gemacht werden zur Tonſchrift, um die Menſchen des ganzen Vortheils des geſchriebenen Wortes theilhaftig zu machen. Tonſchrift oder phonetiſche Schrift wird ſie genannt, weil hier durch Zeichen der Ton vorgeſtellt wird, welchen der Mund beim Ausſprechen eines Wortes hervorbringt. Das Wort wird in jene Noten geſetzt, die wir Buchſtaben zu nennen pflegen.
Uns, die wir gewohnt ſind, tagtäglich und ohne die mindeſte Anſtrengung die Muſik unſerer Sprache zu Papier zu bringen, erſcheint dieß ebenſo natürlich, als einfach, und nur ein geringes Verdienſt darin zu liegen, den erſten Strich in dieſer Methode ausgeführt zu haben. Allein näher betrachtet, ſehen wir, daß eine ſehr feine und aufmerkſame Betrachtung der Sprache vorausgehen mußte, bevor der Gedanke zur Wiedergabe ihres Klanges entſtehen und zur Ausführung gebracht werden konnte. Es ſetzte dies voraus die Unterſcheidung der Bokale und der Conſonanten und der Sylben, der Lippen⸗, Zungen⸗ und Gaumenlaute, der harten und der weichen Betonung. 3
In der That ſcheinen die Anfänge der Tonſchrift auch noch eine Art Zeichenſchrift geweſen zu fein, gleichſam eine Ueberſetzung der Sprachtöne in entſprechende Zeichen. So ſoll das m aus dem Bilde der zu ſeiner Ausſprache zuſammengepreßten Lippen, das o aus dem de eugdesn Mundes hervorgegangen ſein, der zu deſſen Hervorbringung dient. Allein es ſteht zu befürchten, daß eine weitere Verfolgung dieſer Ableitungen, geführt von der Phantaſie, leicht auf willkürliche Abwege führt, zumal uns wohl in der Regel nicht mehr die urſprünglichſten Tonzeichen der Schrift vorliegen, ſondern nur die durch lfrheſfrumgir verein⸗ fachten Abänderungen derſelben.„.
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