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er dazu die erforderliche Befähigung oder das ausgeſprochene Talent beſitzt. Wird ein ſolches Zuſammentreffen durch die vorhandenen äußeren Verhältniſſe begünſtigt, ſo läßt ſich dies als der willkommenſte, als der glücklichſte Fall einer Berufswahl betrachten, die kaum fehlſchlagen wird.
Aber man täuſche ſich nicht über Beides: über Neigung und Begabung. Der Wunſch, dieſen oder jenen Beruf zu ergreifen, wird häufig durch ganz oberflächliche, ja ſelbſt zufällige und unlautere Einflüſſe hervorgerufen. Ein Junge will Soldat werden, gelockt durch den Glanz eines militäriſchen Schauſpiels, ein anderer hat die Abenteuer romanhafter Seefahrer geleſen und geht zur See; ein gewiſſes Geſchick in kleinen Handarbeiten und die Liebhaberei ſich damit zu beſchäftigen erweckt im Dritten die Idee, Maſchinenbauer zu werden. Nicht minder laſſen ſich Eltern verleiten oder abhalten durch reine Äußerlichkeiten bei der Berufswahl für ihre Kinder. Da blüht jetzt ein gewiſſer Geſchäfts⸗ betrieb, da bieten ſich jetzt günſtige Ausſichten in dieſer oder jener Richtung der gelehrten Berufe und ſofort wird der Sohn veranlaßt, den gebotenen Vorteilen nachzuſtreben, die vielleicht ſchon vorüber ſind, wenn er ſo weit gekommen iſt, ſie auszubeuten.
Die Gefahr, von dem Erfolg eines anderen Berufs geblendet zu werden, liegt um ſo näher, je weniger der eigne ſich vorteilhaft erweiſt, ſei nun das Ungeſchick oder das Mißgeſchick hiervon die Urſache. Der Menſch iſt nur zu ſehr geneigt, im eignen Geſchäft die Schwierigkeiten, die Müh⸗ ſeligkeiten herauszufühlen und ſich vorzuhalten, während er dieſelben bei anderen nicht kennt oder nicht ſehen will, beſtochen von einem günſtigen Schein.
Ja wir begegnen dem weiteren Fall, daß ein Vater, der in ſeinem Beruf des günſtigſten Erfolges ſich erfreute, der ein ſchönes Vermögen, eine angeſehene Stellung errungen hat, ſeinem Sohne die Anſtrengung, den Kampf, die Rückſichtnahme und Fügſamkeit erſparen will, was alles er ſelbſt aufbieten und beobachten mußte, um ſich emporzuarbeiten.
„Mein Sohn ſoll es einmal beſſer haben, als ich“— lautet deſſen wohlmeinende Abſicht Aber nicht immer iſt es wohlgethan, derſelben nachzuleben. Ein Handwerker gibt ſein Geſchäft auf und läßt ſeinen Sohn Kaufmann werden, weil ihm dies eine reinlichere, leichtere und vornehmere Art des Erwerbs zu ſein ſcheint. Das ſieht allerdings ſo aus, allein wie oft fragt es ſich: wer ſchwitzt mehr, der Mann am Ambos oder der Mann am Schreibpult— jener am Feuer, dieſer an der Bilanz.
Und hiermit berühren wir eine ganz bedenkliche Erſcheinung unſerer Zeit. Es iſt dies die zunehmende Scheu vor harter Arbeit und Anſtrengung, es iſt dies die Neigung auf leichte, müheloſe Art Geld zu erwerben. Daher der Zudrang zu manchen Berufsarten, bei denen dies der Fall zu ſein ſcheint, wie insbeſondere beim Kaufmannsſtand. Es iſt geradezu eine Pflicht, darauf hin⸗ zuweiſen, wie viele überzählige Kräfte demſelben ſich zugewendet haben und wie viele davon brach liegen oder nur aufs dürftigſte ſich lohnen.
Sehr überflüſſig, ja verkehrt und unzweckmäßig mögen unſere Erörterungen ſich ausnehmen in den Augen eines Amerikaners. Auf die Frage: welchen Beruf ſoll ein Menſch vorziehen? hat er nur eine Antwort: Jeden, der Geld einbringt, je mehr, je leichter, je ſchneller— deſto beſſer. Für ihn gibt es überhaupt nur einen Beruf: Geldmachen! Erweiſt ſich der hierzu gewählte Weg unergiebig, ſo ſchlage ohne Beſinnen einen anderen ein; ſchlägt auch der fehl, ſo ſuche und wechſele ſo lange, bis du den rechten gefunden haſt. Da ſieht man denſelben Mann, der als Landwirt anfing, nach und nach Kellner, Seifenſieder, Zahnarzt, Kleiderhändler, Lehrer, Cigarrenmacher, Zeitungsſchreiber, Schenkwirt oder Notar werden, bis er ein gemachter Mann geworden oder zu Grunde gegangen iſt.
Andere Länder, andere Sitten. Wo der harte Kampf ums Daſein keine Wahl läßt, thut der Menſch gut, ſich raſch in jede Lage zu ſchicken und zuzugreifen, wo ein Vorteil ſich bietet. Hier⸗ zuland haben wir eine gewiſſe Anhänglichkeit an den überlieferten Beruf ererbt oder an den gewählten


