Aufsatz 
Die Berufswahl / Friedrich Schödler
Entstehung
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erworben, die uns mit einiger Zähigkeit in demſelben ausharren läßt, die endlich auch meiſt ihren Lohn findet.

Wenn wir in dem bisher Vorgetragenen den Grundſatz des Beharrens im angeborenen Beruf oder Berufskreiſe beſonders hervorgehoben und anempfohlen haben, ſo ſind wir doch weit entfernt, denſelben zum Geſetz erheben zu wollen. Denn, daß derſelbe auch nachteilige Folgen haben kann, lehrt uns das Zunftweſen. In der Zeit der Städtegründung, des Emporkommens des Bürgerſtandes bildeten die Zünfte deſſen feſten Kern und die ſtrenge Schule ſeiner Gewerbe und Künſte, ſie hatten ihre Berechtigung, ihr großes Verdienſt, ihre hohe Bedeutung. Aber in ſpäterer Zeit, die einen aus⸗ gedehnteren Verkehr, eine freiere Bewegung erforderte, erwieſen ſich die Zünfte als hemmende Feſſeln; bei den in ſtrenge Formen und Vorſchriften gebannten Gewerben begann ein Stillſtand, eine Erſtar⸗ rung einzutreten, die ihren Rückgang, ja nicht ſelten ihren Untergang herbeiführte. Im geſicherten Beſitz des Zunftbetriebs erlahmte bei dem Handwerker das Streben nach Fortſchritt, erhob ſich die Gleichgültigkeit, der Widerſtand gegen alles Neue und Beſſere.

Belaſſen wir den manchfachen Berufsweiſen ihre natürlichen Grenzen und Schranken, aber umgeben wir ſie nicht mit Scheidewänden. Die erſteren mögen überſchritten und durchbrochen werden, durch Begabung, Talent und Begeiſterung einer ſtrebſamen Jugend, die mit Fleiß, Hingebung und Begeiſterung höhere Ziele und neue Wege verfolgt. Nur durch Zufuhr friſcher Säfte wird ein Organismus geſund und lebenskräftig erhalten, ſei es der eines Einzelnen oder eines Gemeinweſens.

Für den Lehrer aber iſt nichts erfreulicher und lohnender, als die Entwicklung der fortwährend aus dem Volk auftreibenden Lebenskeime fördern zu helfen und zu erleben, wie dieſelben heranwachſen, Wurzel ſchlagen, Blüten und Früchte treiben zum Beſten des Gemeinwohls.

Schließen wir daher unſere Betrachtung mit den Worten des Dichters:

Arbeit iſt des Bürgers Zierde, Segen iſt der Mühe Preis, Ehrt den König ſeine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß!

Ein jeder Beruf iſt der rechte, der geübt wird in Fleiß, Redlichkeit und Gottesfurcht. Daraus erblühen Wohlſtand, Liebe zu Familie, zu Volk und Vaterland, dem Gott recht zahlreiche mit dieſen Tugenden geſchmückte Bürger verleihen wolle!