Aufsatz 
Die Berufswahl / Friedrich Schödler
Entstehung
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Nur die Gewohnheit vermag die Härte zu mildern, die ſolche Einrichtungen mit ſich führen; es war insbeſondere der Einfluß der franzöſiſchen Revolution, welcher dieſelben beſeitigte und den Grundſatz der Gleichberechtigung aller Kinder durchführte.

Wer nun nicht ſo glücklich iſt, in die Fußtapfen des Vaters zu treten, der ſteht vor der Be⸗ rufswahl, der ſteht am Antritt der langen Lebensreiſe, für die er eines Führers und Wegweiſers bedarf. Wohl ihm, wenn er die rechten findet. Er wird dies um ſo eher, wenn er dem zweiten allgemeinen Grundſatz folgt, der in dieſem Falle zu empfehlen iſt:

Der Sohn wähle ſeinen Beruf innerhalb des väterlichen Berufskreiſes.

Für den, der in einem bürgerlichen Geſchäftsbetrieb aufgewachſen iſt, iſt es zuträglicher, irgend einen ähnlichen Beruf zu ergreifen, als in den Gelehrtenſtand eintreten zu wollen. Abgeſehen davon, daß er im erſten Falle bei ſeinen Lebensgewohnheiten verbleibt, wird er unter den Standes⸗ genoſſen, im Kreiſe der elterlichen Verwandten und Freunde viel eher der förderlichen Hülfe mit Rat und That begegnen, als in der fremden Umgebung von Perſonen, denen andere Lebensziele andere Anſichten und Lebensformen verliehen haben.

Nach Erörterung dieſer allgemeinen Regeln haben wir nunmehr die Fälle zu beſprechen, in welchen der Entſchluß zu faſſen iſt, in irgend einen Beruf einzutreten; wir haben zu unterſuchen, welche Beweggründe ſollen hierbei die maßgebenden ſein und welche nicht, und wer ſoll darüber das entſcheidende Wort ſprechen.

Beantworten wir die letzte Frage zuerſt; ſie verbirgt eine große Schwierigkeit. In den meiſten Fällen iſt der junge Menſch, für den die Wahl zu treffen iſt, kaum im Stande, ſelbſt die Bedeutung und Tragweite des Entſchluſſes beurteilen und überblicken zu können. Es wird deshalb in der Regel die Entſcheidung den Eltern zufallen. Sie ſollen im Stande ſein, Neigung, Fähigkeit und Charakter des Sohnes zu beurteilen, die vorliegenden Verhältniſſe und Ausſichten in Erwägung zu ziehen, die Ratſchläge und Erfahrung von Sachverſtändigen zu benutzen und hiernach dem Sohne den Lebensweg vorzuſchreiben. Dies iſt insbeſondere notwendig, wenn, wie in den meiſten Gewerben, ein Junge ſchon mit 14 bis 16 Jahren in die Lehre tritt. Wenn dagegen, wie in den gelehrten Berufen, die Vorbereitung zu denſelben 18 und mehr Jahre erfordert, ſo reift der Schüler heran zum jungen Mann, der dann wohl im Stande iſt, bei der Berufswahl ſeine Stimme geltend zu machen. In dieſem Falle iſt ohnehin eine längere Zeit gegeben, um mit Umſicht und Gewiſſenhaftig⸗ keit nach allen Seiten die Frage zu erörtern.

Nach dem Geſagten iſt der Familie eine große Verantwortlichkeit bezüglich der Berufswahl ihrer Angehörigen überwieſen. Leider begegnet man hierbei nicht ſelten einer Gleichgiltigkeit, Unüber⸗ legtheit und einem Unverſtand, wie es unglaublich iſt. Wie oft kommt es vor, daß ein Vater, der beim geringſten Vorfall in ſeinem Geſchäft ſofort ſich in Bewegung ſetzt, lauft, ſchreibt, reiſt, Erkundigung einzieht und ſich Rats erholt, kurz nichts verſäumt um ſeinen Vorteil zu wahren, daß derſelbe Vater ſich gleichgiltig und unthätig verhält in Fragen, welche die Erziehung ſeines Sohnes, die Vor⸗ bildung für einen künftigen Beruf betreffen, daß erſt, nachdem hierin die ſchwerſten Mißgriffe gemacht worden ſind und ihre nachteiligen Folgen ſich offenbaren, um Hülfe gerufen wird, die dann meiſt zu ſpät kommt.

Gehen wir nun über zu den leitenden Beweggründen für die Berufswahl.

Hier müſſen in erſter Linie die Neigung und die Begabung angeführt werden, die für einen beſtimmten Beruf im jungen Menſchen ſich ausſprechen. Es iſt gewiß ein hochanzuſchlagender Vorteil, wenn Jemand einen Beruf von vornherein mit Luſt und Liebe ergreift und verfolgt, wenn