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Hieran reiht ſich eine Aufforderung des Regierungspräſidenten von Köln, betreffend die Aufnahme und Pflege der vom Kriegsſchauplatz kommenden Verwundeten; ſodann die Angaben über die Verluſte vom 6. Auguſt bei Spichern und Saarbrücken auf deutſcher Seite, ſowie eine Mittheilung des damals im Felde ſtehenden Prinzen Ludwig von Heſſen, unſeres jetzigen Großherzogs K. Hoheit, an ſeine Gemahlin über die ſchweren Verluſte, welche unſere tapferen Landes⸗ kinder am 18. Auguſt vor Metz erlitten haben, ein ſchmerzlicher Beweiß, mit welch unerſchütterlicher Feſtigkeit unſere Heſſiſche Diviſion im Kugelregen aushielt und vorging. Gleich darauf begegnen wir einem ſchwungvollen Aufruf des deutſchen Hülfsvereins in Wien an ſeine Mitglieder und die Frauen Oeſterreichs zur Beiſteuer von Liebesgaben für die deutſchen Heere, ſowie der Nachricht, daß eine Sendung ſolcher aus dem fernen Oſten bereits unterwegs iſt. Und nun folgen der Reihe nach die manch⸗ fachſten Aufrufe: des Sanitätscorps auf den Verbandplatz; des Frauenvereins, zur Herſtellung von Verbandmitteln und Bekleidungsſtücken; des Vereins zur Unterſtützung der Familien von in's Feld gezogenen Kriegern; des Haupt⸗Unterſtützungs⸗Ausſchuſſes zur Einlieferung von Bei⸗ trägen aller Art, für die ſchwer heimgeſuchten Bewohner der Saargegend. Den Schluß bilden lange Verzeichniſſe von Geldſpenden, wo wir in rührender Weiſe dem Scherflein des Unbemittelten begegnen, neben den reichen Gaben der Beſitzenden, wo wir keinen Namen vermiſſen, wohl aber manchen Namen wiederholt finden.
Welche Fülle von thätiger Liebe, von Sorge, Hingebung und Aufopferung ſpricht aus jeder Zeile, aus jedem Wort dieſer Kundgebungen; wie durchdringt und belebt das ganze Volk nur ein einziger Gedanke, ein einziges Gefühl— das Heil des Vaterlandes, das Wohl Derer, die draußen einſtehen mit Blut und Leben, für ſeine Freiheit und Unabhängigkeit.
Verſchwunden iſt bereits die drückende Angſt der erſten Kriegestage. Schon ſind die Schlachten von Weißenburg, Spichern, Wörth und Metz geſchlagen— ſchon fühlen wir ahnend voraus, daß der Feind, der dieſen Krieg begonnen, den deutſchen Boden nie betreten werde, es ſei denn— beſiegt und gefangen!
Ja, meine jungen Zuhörer, die ihr jene Tage nicht erlebt habt, oder nicht verſtehen konntet, laßt Euch dieſelben vergegenwärtigen durch Wort, Schrift und Bild, laßt insbeſondere durch die Erzählungen Eurer Angehörigen, die des Zeugen waren, vor Euren Blicken auferſtehen jene unver⸗ geßliche Zeit, wo Herz und Hand empfänglich und offen waren für alles Gute und Große, wo ein edler Wetteifer Jung und Alt beſeelte und antrieb.
Wohl durfte heute vor zehn Jahren Mainz leichter aufathmen und ſich befreit fühlen von dem ſchweren Alpdruck, der auf ihm laſtete ſeit dem 19. Juli, dem Tage jener frevelhaften Kriegserklärung, die plötzlich, wie nie zuvor, in das friedliche Völkerleben gefallen war.
Sofort richteten ſich die Augen, man darf wohl ſagen, der ganzen Welt, auf dieſe unſere Stadt Mainz. Sie war ja wiederholt das Ausfallthor geweſen, aus dem der weſtliche Feind eingebrochen war in's Herz von Deutſchland, zu ihr führt ja die nach ihrem Erbauer ſogenannte Kaiſerſtraße, auf der Napoleon I. die Schaaren herbeiführte zu ſeinen Eroberungszügen. Mainz in den Händen der Franzoſen wäre für ſie der halbe Sieg geweſen.
Darum war aber auch unſer Mainz bevorzugt, in ſeinen Mauern Kopf und Herz zu vereinen, von welchen jene großen Gedanken und Impulſe ausgingen, welche die raſch nachfolgenden wuchtigen Schläge vorbereitet und geleitet haben. Bereits am 28. Juli war Prinz Friedrich Karl mit ſeinem Hauptquartier hier eingetroffen. Ihm folgte am 2. Auguſt König Wilhelm, mit einer Umgebung erleſener Kriegs⸗ und Staatsmänner, von welchen wir Moltke und Bismarck nennen, um ihre Bedeutung hervorzuheben.


