27 wo in Athen die Kunde vom Sieg bei Salamis— in Rom die Botſchaft der Niederlage von Canna eingetroffen war— ein Schriftſtück, das nicht nur im Telegrammſtil die großen Erfolge und Miß⸗ erfolge meldet, ſondern zugleich alle die geringeren mit unterlaufenden Begebenheiten, welche das in ſolchen Augenblicken im Volk pulſirende Leben darſtellen und ergänzen.
Ich habe hier ein ſolches Dokument aus der Gegenwart; es iſt ein hieſiges Zeitungsblatt vom 24. Auguſt 1870— kein Schriftſtück, nicht das Werk einer einzelnen ſo oder ſo beeinflußten oder geſtimmten Feder— ſondern ein gedrucktes Blatt, in dem ſich gleich wie in einem Spiegel, treu die Bilder der allſeitig ihm gebotenen Objekte reflektiren.
Werfen wir einen Blick in daſſelbe. Jede Zeile ergreift uns mit bewegender Gewalt. Hier an der Spitze ein Brief des Königs Wilhelm an die Königin von den Schlachtfeldern vor Metz:
„Rezonville, 19. Auguſt. Das war ein neuer Siegestag geſtern, deſſen Folgen noch nicht zu ermeſſen ſind: Geſtern früh gingen das 12. Corps, die Garde und das 9. Corps die nördliche Straße von Metz nach Verdun bis St. Marod und Doncourt vor, ge⸗ folgt vom 3. und 10. Corps, während das 7. und 8., ſodann auch das 2. bei Rezonville gegen Metz ſtehen blieb. Als jene Corps rechts ſchwenkten in ſehr waldigem Terrain gegen Verneville und St. Privat, begannen dieſe Corps den Angriff gegen Gravelotte, nicht heftig, um die große Umgehung gegen die ſtarke Poſition bei Janvillers und Chatel bis zur Metzer Chauſſee abzuwarten.
Dieſe weite Umgehung trat erſt um 4 Uhr in’s Gefecht, mit dem Garde⸗, dem 9. und 12. Corps.
Der Feind ſetzte in den Wäldern heftigen Widerſtand entgegen, ſo daß nur langſam Terrain gewonnen wurde. St. Privat wurde vom Gardecorps, Verneville vom 9. Corps genommen. Das 12. und die Artillerie des 3. griffen nun in das Gefecht ein.
Gravelotte wurde von den Truppen des 7. und 8. Corps und die Wälder von beiden Seiten genommen und behauptet mit großem Verluſte. Um die durch die Umgehung zurück⸗ gedrängten feindlichen Truppen nochmals anzugreifen, wurde ein Vorſtoß über Gravelotte bei einbrechender Dunkelheit unternommen, der auf ein ſo enormes Feuer hinter den Schützen⸗ gräben en Etage und auf Geſchützfeuer ſtieß, daß das eben eintreffende zweite Corps den Feind mit dem Bajonette angreifen mußte und die feſte Poſition vollſtändig nahm und be⸗ hauptete. Es war 8 ½ Uhr, als das Feuer auf allen Punkten nach und nach ſchwieg. Bei jenem letzten Vorſtoß fehlten die hiſtoriſchen Granaten von Königsgrätz nicht, aus denen mich diesmal Miniſter von Roon entfernte.
Alle Truppen, die ich ſah, grüßten mich mit enthuſiaſtiſchen Hurrahs. Sie thaten Wunder der Tapferkeit gegen einen gleich braven Feind, der jeden Schritt vertheidigte und oft Offenſivſtöße unternahm, die jedesmal zurückgeſchlagen wurden. Was nun das Schickſal des Feindes ſein wird, der in dem verſchanzten, ſehr feſten Lager der Feſtung Metz zu⸗ ſammengedrängt ſteht, iſt noch nicht zu berechnen.
Ich ſcheue mich nach den Verluſten zu fragen und Namen zu nennen, da nur zu viele Bekannte genannt werden, oft unverbürgt. Dein Regiment ſoll ſich brillant ge⸗ ſchlagen haben. Walderſee verwundet, ernſt, aber nicht tödtlich, wie man ſagt. Ich wollte hier bivouakiren, fand aber nach einigen Stunden eine Stube, wo ich auf einem mitgeführten königlichen Krankenwagen ruhte und da ich nicht ein Stück meiner Equipage von Pont⸗a⸗ Mouſſon habe, völlig angezogen ſeit 30 Stunden bin. Ich danke Gott, daß er uns den Sieg verliehen. Wilhelm.“


