26 erbittertem Kampf und Streit. Aber mehr in Wort, als in der That; es fließt mehr Tinte, als Blut, es giebt keine Verwundeten, keine Todten.
Mittlerweile lebt das Volk nach den Worten des Dichters:„Tages Arbeit, Abends Gäſte, ſaure Wochen, frohe Feſte!“— ein Spruch, ſo recht nach dem Herzen von Mainz, wo man ſtets bemüht iſt, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Allerwärts Aeußerungen des Wohl⸗ lebens und der Heiterkeit, Concerte, Luſtparthien zu Waſſer und zu Land; es wird gegeſſen, getrunken und geſungen— es wird geturnt, geſchoſſen und gefochten— geſchwommen und gerudert! freilich fehlt es nicht an mahnenden Stimmen, die da meinen, es geſchehe hierin des Guten eher zu Viel und es ſei das Wohlleben nicht immer ein Zeichen des Wohlbefindens.
Um ſo reiner iſt dagegen die Freude, die das Auge empfindet, wenn es ſich nach dem Weſten unſerer Stadt wendet, dieſer alten Feſtung, die heute vor zehn Jahren eingeſchnürt in einen Gürtel von Mauern und Wällen der Luft zum Athmen und des Lichts zum Leben entbehrte, in deren unter⸗ bundenen Adern der Kreislauf zu ſtocken, das Herz ſtill zu ſtehen drohte. Geſprengt ſind hier die Feſſeln, gebrochen die Bande. Thürme, Mauern, Wälle, Gräben— ſie ſind verſchwunden; geöffnet ſind Thore und Wege, durch welche der Verkehr frei und ungehindert aus⸗ und einſtrömt. In vereinſamte Straßen, in dunkle Ecken und Winkel iſt Leben und Bewegung gedrungen und mit denſelben die verbeſſernde, verſchönernde Umgeſtaltung. Eine eingeſperrte Bevölkerung kommt zum Vorſchein aus Moder und dumpfem Gemäuer zu einem erfreulichen, gedeihlichen Daſein.
Auf der Stätte des geebneten Glacis and der ausgefüllten Gräben iſt heute eine weite Bahn eröffnet, über die hinweg Altſtadt und Neuſtadt die ſchweſterlichen Hände ſich reichen. Grüne Anlagen mit Gebüſch und Baumgruppen laden ein zum Ergehen in Gottes freier Luft. Stattliche Gebäude erheben ſich in edlem Stil, die Anfänge eines neuen, ſchöneren, nicht in Gaſſen und Gäßchen ver⸗ krümmten Mainz. Darunter zwei Bauwerke, die wir mit beſonderer Freude begrüßen, denn ſie ſind dem Unterricht unſerer Jugend, ihrer Fortbildung, der Entwickelung und Hebung unſerer Gewerbe gewidmet.
Gehen wir vom Weſten zum Oſten. Auch hier Fortſchritt zum Beſſeren, zum Schöneren. Keine Stadt am ganzen Rhein bietet ein Ufergelände ſo zweckmäßig und gediegen in Anlage, ſo freundlich und geſchmackvoll in Ausſtattung. Zwar noch jung, mehr grünen Sträußern vergleichbar, ſind die in langen Reihen gepflanzten Bäume, die alsbald die herrlichſten von Rheinluft erfriſchten Spazier⸗ gänge beſchatten werden, mit der Ausſicht auf die von Schiffen belebte Fluth und das ferne Gebirge.
So iſt heute unſer Mainz. Mag es auch manchen dunkeln Punkt bergen, wir vertrauen der reinigenden, läuternden Zeit und halten uns an ſeine Lichtſeite.
Und nun zum Mainz vor zehn Jahren— zum Mainz vom 24. Auguſt 1870.
Wie lebhaft auch die Erinnerung an jenen Monat blutiger Aerntetage ſein mag, wie tief und unauslöſchlich ſeine Ereigniſſe und Erſcheinungen dem Zeitgenoſſen ſich eingeprägt haben— ſo wird doch jede daraus allein geſchöpfte Schilderung übertroffen von dem Bilde das wir erhalten, wenn wir ein Blatt herausgreifen mit all den Nachrichten, Berichten, Schilderungen, Anzeigen, welche damals täglich die Preſſe uns geboten und aufbewahrt hat.
Wohl rühmen wir die Verdienſte der alten Geſchichtſchreiber, eines Thukidides, Herodot und Xenophon, eines Livius, Tacitus und Julius Cäſar, die uns die Thaten und Leiden von Hellas und Rom überliefert haben. Aber bei Allen fühlt die Kritik das Einſeitige, Unvollſtändige, Unſichere in der Darſtellung heraus und ſelbſt bei ſolchen, die wie J. Cäſar gleichſam ein Tagebuch des Selbſt⸗ erlebten geſchrieben haben, beherrſcht der perſönliche Standpunkt des Römers die ganze Darſtellung.
Welch allgemeines und ungemeines Aufſehen würde es erregen, wenn heute ein altes Schriftſtück entdeckt würde, das auch nur annähernd, im Sinne einer heutigen Zeitung berichtete über den Tag,


