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IV. Beigabe..
Mainz vor zehn Jahren.
„Wie hat es heute vor zehn Jahren in Mainz ausgeſehen?“
Indem ich, Hochzuverehrende Anweſende, dieſe Frage vor Ihnen ausſpreche, begegnet dieſelbe bei Manchem nicht geringem Befremden. Wohl ſind wir gewöhnt, daß an dieſer Stelle hiſtoriſche Rückblicke zur Sprache kommen. Hätte die Frage gelautet: Wie hat es zur Zeit des Druſus Germanicus, oder des Rabanus Maurus, des Johannes Gensfleiſch zum Gutenberg oder zur Zeit Cuſtins hier aus⸗ geſehen, ſo würde dies weniger überraſcht haben. Wir lieben es, längſt vergangene Zeiten in belebten Bildern vor unſerem Auge vorüberziehen zu laſſen— Licht werfen zu laſſen auf dunkle Thaten und Perſonen— die Geſchichte zu verfolgen bis zu der äußerſten Grenze, wo ſie mit der Sage ſich verwebt und nur noch nebelhafte Umriſſe mehr der Phantaſie als der Forſchung Nahrung bieten.
Aber ein Rückblick über die Spanne von zehn Jahren— welches Intereſſe ſoll er uns bieten, uns, die wir ja ſelbſt die Begebenheiten des Jahres 1870 miterlebt, ſeine Erregungen mitgefühlt, ſeine Erſcheinungen mit angeſehen haben.
Dennoch erſcheint derſelbe wohl gerechtfertigt. Es iſt im menſchlichen Weſen begründet, die Zeit ab⸗ und einzutheilen in kleinere und größere Abſchnitte und nach ihnen zu bemeſſen, was das eigne Sein und Selbſt, was ſeine Familie, ſeine Heimath, ſein Volk berührt und bewegt. Wir be⸗ meſſen den Pulsſchlag unſeres Körpers nach Secunden, den des Völkerlebens nach Decennien, nach Jahrzehnten. Den mächtigen Pulsſchlag des Jahres 1870, in dem das Blut von Millionen hoch aufwallte, wie viele ſind hier gegenwärtig, die ihn nicht mitfühlen konnten, da ſie noch nicht das Licht der Welt erblickt hatten, wie viel mehr Andere, die noch im Kindesalter befindlich, keine Ahnung haben konnten von ſeiner Bedeutung, und wie viele Andere, die damals im Alter mehr vorgeſchritten, dennoch des Ueberblicks entbehrten, welcher den Zuſammenhang der Ereigniſſe, die Vorbereitung und Ausführung jener ſtaunenswerthen Erfolge einſehen und begreifen läßt.
Wenn an Solche vorzugsweiſe meine Worte gerichtet ſind, ſo werden ſie doch auch denen die zu jener Zeit bereits in reiferem Alter ſtanden ein willkommener Rückblick auf die denkwürdigſten Tage ihres Lebens ſein.
Wir ſchreiben heute den 24. Auguſt. Ruhig und friedlich bewegt ſich das Leben in Stadt und Land, auf Straße und Strom. Nirgends eine Spur jener tief gehenden Bewegung, welche vor zehn Jahren alle Schichten der Bevölkerung erſchütterte. Handel und Wandel gehen ihren Gang, zwar piano, aber ſie gehen; man tröſtet ſich, daß es anderwärts nicht beſſer geht, klagt und hofft auf kommende Zeiten. Wohl werfen ſich neben dem Alltagsleben und Treiben auch ernſtere Fragen auf, aber ſie erheben ſich nicht zu ſchwerer Sorge, zu banger Befürchtung. Da iſt die Brückenfrage, die Umführung der Eiſenbahn, die Canal⸗ und Saalbaufrage, welche bedeutende Intereſſen berühren, ja für Einzelne zur Exiſtenzfrage werden. Wohl regen dieſe Fragen auf, zu lebhafter Erörterung, zu
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