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In dieſem Kreiſe war es, wo noch vor dem Ausbruch der Kriegsereigniſſe Moltke die denk⸗ würdige Aeußerung that:„In zwei Tagen wird unſere Armee aufgeſtellt ſein, wie auf dem Schach⸗ brett; wenn der Feind vorher nicht angreift, ſo werden wir ihn erdrücken!“ Und er wurde nicht nur erdrückt— er wurde zermalmt.
Und welches Anſehen bot unſere Stadt in jenen Tagen? Weſentlich verſchieden von dem heutigen. Da ertönte nicht Sing und Sang und folgte nicht Feſt auf Feſt. Da enthielten die Blätter nicht wie heutzutage Reihen von Einladungen zu Luſtbarkeit und Genuß jeder Art, ſondern es ſpiegelte ſich in denſelben, wie wir vorhin geſehen haben, der ſchwere Ernſt der Lage.
Schon am 23. Juli hatten die großen Truppendurchzüge von etwa 12000 Mann täglich be⸗ gonnen und angehalten bis zum 11. Auguſt. Die Erquickung derſelben hatte Tag und Nacht viele Kräfte und Mittel in Anſpruch genommen. Lebensmuthig waren zu Hunderttauſenden die Schnitter ausgezogen und ach— wie Viele, die den blutigen Siegestag ärnten halfen, kamen zurück, todesmatt und blutgetränkt. Nicht den munteren Verkehr des Handels belebten die Güterhallen, nicht Fäſſer, Ballen und Barren rollten und wälzten ſich dort in buntem Gewühl. Sanft und leiſe wurde die koſtbare Ladung den Wagen entnommen, die verwundeten Krieger hingebracht auf den Verbandplatz, wo Laien und Prieſter, Aerzte und Pflegerinnen wetteiferten, Hülfe, Erquickung und Troſt zu bringen. Wohl lagen damals am Rhein die ſtattlichen Dampfer, zahlreicher als heute. Aber ihre Befrachtung beſtand nicht aus Handelsgut und Luſtreiſenden. Von den Verbandhallen hinweg verbrachte man die Verwundeten in die Dampfboote, um ſachte den Rhein hinabzugleiten nach den Hoſpitälern, die allerwärts in den Städten ſeiner Ufer eingerichtet waren. Manchem dieſer Tapferen mochte das Herz hoch ſchlagen, beim Anblick des herrlicheu Rheingaus, in dem Gefühle, daß er ſein Blut vergoſſen habe, zur Erhaltung dieſes ſchönſten Kleinods des deutſchen Vaterlandes.
Aber auch andere, weniger düſtere Farben miſchen ſich in das Bild jener Zeit. Schon am 9. Auguſt waren nach dem Sieg bei Wörth 1200 gefangene Franzoſen mit 130 Offizieren hier an⸗ gekommen, denen parthienweiſe weitere und größere Transporte folgten. Begreiflicherweiſe erregte ihr Anblick das höchſte Intereſſe, zumal darunter auch die berüchtigten Zuaven und Turkos vorhanden waren. Mit einem Gemiſch von Neugierde und Befriedigung betrachtete das Volk dieſe tief ge⸗ demüthigten Feinde, denen allerwärts eine großmüthige Behandlung zu Theil wurde.
Nur wenige Tage nach dem 24. Auguſt vergingen, bis die Nachricht vom Siege bei Sedan eintraf, dem ruhmvollſten Siege der Weltgeſchichte. Hiermit war Frankreichs Niederlage beſiegelt und der Höhepunkt der Spannung überſchritten, welche bisher die Gemüther gefeſſelt hielt. Wie be⸗ deutend auch die nachfolgenden Ereigniſſe waren, beruhigt konnte man ihrem Verlauf entgegenſehen, bis endlich am 10. Mai 1871 der erſehnte Friedensſchluß erfolgte, der dem deutſchen Volke reichen Lohn für die gebrachten Opfer gewährte.
Laſſen Sie mich, verehrte Anweſende, dieſe Erinnerung an eine große Zeit mit einer kurzen Betrachtung abſchließen.
Wohl darf uns der Gedanke an das, was unſer Volk damals vollbracht hat mächtig erheben; doch ſollen wir uns deſſen nicht überheben; wohl mögen wir, vorleuchtend, die Nachkommen hinweiſen auf die Thaten ihrer Vorfahren, aber es bedarf hierzu nicht jährlich wiederkehrender Siegesfeſte.
Einem ſo großen und ſtarken Volke, als wie das deutſche Volk ſich bewieſen hat, ziemt es, ein friedliebendes Volk zu ſein und dieſes zu bethätigen durch ſeine Haltung.
Kann auch—
„Der Beſte nicht in Frieden leben, Wenn es dem böſen Nachbar nicht gefällt—“


