Aufsatz 
Unser Landsmann Liebig
Entstehung
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Unfer Landsmann Liebig.

(Rede, gehalten bei der Schlußfeier am 2. September 1873 von Realſchuldirector Dr. Friedrich Schödler.)

Indem ich heute das Wort ergreife, um zu Ihnen, hochverehrte Anweſende, zu ſprechen, geſchieht dies mit beſonderer Bewegung. Meine Rede gilt dem Andenken eines großen Todten eines Helden und Siegers im friedlichen Kampfe der Wiſſenſchaften ſie gilt unſerem verewigten Landsmanne Juſtus von Liebig, der am 18. April dieſes Jahres ſein thatenreiches Leben beſchloſſen hat.

Mit ſeinem Tode betrauert die Wiſſenſchaft das Erlöſchen eines ihrer ſtrahlendſten Sterne, die Menſchheit das Scheiden eines Wohlthäters und das Vaterland den Verluſt eines treugeſinnten und hochherzigen Bürgers.

Wohl haben zahlreiche Stimmen Liebigs Namen in Wort und Schrift gefeiert in allen Ländern und in allen Sprachen aber nirgends macht ſich der Schmerz lebendiger, die Theilnahme inniger fühlbar, als bei uns, die wir mit Stolz Liebig unſeren Landsmann nennen. Und niemand iſt mehr berechtigt, ja verpflichtet, dieſen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, als ich, der ich während einer Reihe von Jahren das Glück hatte, Liebigs Schüler und Aſſiſtent, Freund und Genoſſe ſeines Hauſes und ſeiner Familie zu ſein. Möchten meine Worte durchweht ſein von der ihres Gegenſtandes würdigen Weihe, möchte es mir ge⸗ lingen, die volle Bedeutung einer Perſönlichkeit darzulegen, deren Wirken Jedem von uns zu Gute kommt an ſeinem geiſtigen und leiblichen Daſein.

Meinem Vorhaben überaus günſtig iſt es, daß Liebigs Namen in Aller Munde iſt, denn kein Gelehrter hat je, ſo wie er, die Ergebniſſe der ſtrengſten wiſſenſchaftlichen Forſchung zu verwerthen gewußt für das allgemeine Wohl. Es iſt demnach meine Auf⸗ gabe, Liebigs Lebensereigniſſe, ſeine Bedeutung als Lehrer, Forſcher und Schriftſteller darzulegen und mit der Schilderung ſeiner Perſönlichkeit und ſeines Charakters abzuſchließen.

Indem ich mit Liebigs Leben beginne, greife ich zurück in die früheſten Erinnerungen meines eigenen. Wohlbekannt war bereits vor den zwanziger Jahren der Darmſtädter Jugend des alten Liebigs Laden in der Caplaneigaſſe, ein Materialgeſchäft und zwar das