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Auf das Lebhafteſte erregt, ließ ſich de Tuſſac zu den Bäumen führen, die er mit Früchten beladen fand, obgleich eine große Anzahl derſelben bereits abgefallen war, und unter dieſen ſich einige bis an den Kern, vermuthlich von Krabben, benagt erwieſen; er nahm einen dieſer ſchönen Aepfel auf und überzeugte ſich, daß derſelbe einen ſchwachen, eigenthümlichen Geruch beſaß, wagte aber nicht, deſſen Geſchmack zu verſuchen.
Nachdem ſofort durch einige Neger Beile herbeigebracht worden waren, ließ de Tuſſac den Stamm des dickſten Baumes mit vielem trockenen Holze umgeben und dieſes anzünden, um die Rinde zu zerſtören, damit ſie gänzlich des außerordentlich ätzenden Milchſaftes beraubt werde. Dieſe Vorſicht wird von jeher beim Fällen des Baumes angewandt, damit nicht der Saft den Arbeitern in die Augen ſpritzt. Nachdem die Verkohlung hinreichend vorgeſchritten war, wurde der Baum gefällt und hierbei die Ueberzeugung gewonnen, daß deſſen Holz ſehr weiß und ſehr weich iſt und unter dem Einfluß der Witterung ſehr ſchnell zerſtört wird. Denn als nach zwei Monaten der Ort wieder beſucht wurde, fand ſich der Stamm bereits gänzlich verwittert, ohne daß ſich jedoch in dem Mulm ein einziges der Inſekten vorfand, denen man gewöhnlich im faulen Holze begegnet.
Die früheren, ſo beſtimmten Angaben über das ſchön gemaſerte, vortreffliche Möbelholz des Manzanillo ſchreibt der Forſcher einer Verwechslung zu. Man unterſcheide auf Domingo den eigentlichen Giftbaum, als Mazanillo der Meeresküſte von einem ſogenannten Manzanillo der Gebirge, der eine Art des Sumachs(Rhus) ſei, allerdings ein vortreffliches Holz liefere und bei deſſen Fällung dieſelbe Vorſicht gebraucht werden müſſe, wie die beſchriebene.—
Ein Verſuch über die giftige Wirkung des Milchſaftes ſtimmte ganz überein mit der Erfahrung von Jacquin. Einige Tropfen davon einige Minuten lang auf den Rücken der Hand gebracht, ſchienen keine Wirkung zu äußern und wurden abgewiſcht. Allein nach Verlauf einer Stunde ſtellten ſich Schmerzen ein, es erhoben ſich Blaſen, welche in Geſchwüre übergingen, die längere Zeit zur Heilung bedurften und es läßt ſich hieraus hinlänglich auf die Gefährlichkeit der innerlicheen Wirkung dieſes Milchſaftes ſchließen.
Obgleich de Tuſſac mehr als eine Stunde unter dem Laubdach des Manzanillo verweilte, ſo empfand er doch nicht das geringſte Mißbehagen; auch der gelehrte Franciscaner Plumier, der im 17. Jahrhundert auf den Antillen war und daſelbſt mehrere Stunden, mit Zeichnen beſchäftigt, in deſſen Athmoſphäre ſich auf⸗ hielt, berichtet nur von einem ſehr ſtarken Kopfweh, das ihn befallen habe. Nichtsdeſtoweniger gilt es auf den Antillen für ausgemacht, daß ein Reiſender, der das Unglück hat, unter einem dieſer Giftbäume einzu⸗ ſchlafen, nicht wieder aufwacht!
Schließen wir nunmehr die Akten über dieſen übel beleumundeten Verbrecher des Pflanzenreichs. Nach Anhörung ſo vieler Zeugen mag ſich wohl mit uns dem Leſer die Ueberzeugung aufdrängen, daß im Ganzen genommen doch der Manzanillo beſſer iſt, als ſein Ruf. Selbſt Schleiden ſcheint uns in der oben citirten Stelle etwas allzu beſorgt geweſen zu ſein für die Nachtruhe des Obdach ſuchenden Wilden.
Wir ſehen vor uns einen ſtattlichen Baum, mit unſcheinbarer Blüthe, mit hübſchen Aepfeln, in allen Theilen erfüllt mit einem gefährlichen Milchſaft; entſchiedene Beweiſe dafür, daß Krabben durch die Früchte vergiftet werden, daß an ihm herabträufelnder Thau und Regen ſich vergiftet, endlich, daß ſeine Athmoſphäre ſich tödlich erweiſe, ſind nirgends beigebracht.
Fragen wir, woher es komme, daß dieſe Anklagen ſo lange und ſo beſtimmt wiederholt werden, ſo dürfen wir uns darüber nicht wundern. Selbſt die im Vorſtehenden angeführten Beiſpiele von der Unſchäd⸗ lichkeit der Ausdünſtung des Manzanillo ſchließen ſeine bösartige Wirkung nicht abſolut aus. Denn dieſe könnte eine ungleiche oder verſchiedenartige ſein, je nach Umſtänden. Die Jahreszeit, die Luftbewegung, die Frage, ob vom Einfluß vereinzelter Bäume oder ganzer Wälder die Rede iſt, endlich, ob derſelbe ſich auf Perſonen von einer gewiſſen Empfänglichkeit erſtreckt— alles dies kann möglicher Weiſe einen großen Unter⸗ ſchied in der Beantwortung herbeiführen. Bezüglich des letzteren Punktes erinnern wir uns einiger auffallen⸗ der Thatſachen, deren Mittheilung wir den uns befreundeten Botanikern Schnittſpahn und Hugo von Mohl verdanken. Erſterer hatte als Aſſiſtent im botaniſchen Garten eine Partie Blätter der Giftſumachs, Rhus toxicodendron, gepflückt, welche im Unterricht den Schalern zuertheilt wurden; in Kurzem war ſein ganzer
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