Aufsatz 
Der Manzanillo
Entstehung
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Körper dermaßen angeſchwollen, daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Von den Schülern empfand keiner etwas Nachtheiliges. Im botaniſchen Garten zu Tübingen war die ganze Umgebung des Giftſumachs verwildert und mit Wurzelſproſſen dieſes Strauches bedeckt, weil nach gemachten übeln Erfahrungen kein Ar⸗ beiter mehr mit demſelben zu thun haben wollte. Mit Schrecken gewahrte eines Tages der Profeſſor ein altes Weib, dem geſtattet war, um das Gebüſch zu graſen und das ihre Schürze mit Zweigen und Blättern des Sumachs gefüllt hatte. Allein dieſe unbewußte Verwegenheit hatte nicht die geringſte üble Folge, ſie ver⸗ ſchaffte vielmehr der Alten das Privileg, den Sumach in Zucht und Ordnung zu halten.

So ließe ſich vielleicht erklären, daß doch mitunter der Manzanillo Wirkungen geäußert hat, welche jenen Ruf begründet haben und was den Ruf betrifft, ſo wiſſen wir ja: semper aliquid haeret.

Wundern wir uns aber am wenigſten, wenn wir nur auf Berichte reiſender Forſcher angewieſen ſind, daß wir an Ort und Stelle, aus dem Munde der Einwohner, keine befriedigende Auskunft erhalten.

Wir haben uns zur Annahme gewöhnt, daß wir ein Land bewohnen, in welchem Bildung und Unter⸗ richt ſo verbreitet ſind, wie Licht und Luft. Und dennoch werden wir ſelten einem Bauern und ſelbſt einem fortgeſchrittenen Biedermann begegnen, der nicht eine Kröte, eine Spinne und gar eine Spitzmaus für giftig erklärt und andererſeits von den gefährlichen Eigenſchaften unſerer gemeinſten Giftpflanzen, des Schierlings und der Zeitloſe, keine Ahnung hat, ja erſteren nicht einmal kennt.

Der Manzanillo geht ſeinem Untergang entgegen. Keine nützliche Eigenſchaft empfiehlt ſeinen Anbau, ſein verdächtiger Charakter, ſein gefährlicher Milchſaft befürworten ſeine Ausrottung und gleich den coloſſalen Adanſonien Afrika's und den rieſigen Mammuthbäumen Californiens wird er allmälig verdrängt werden von der Schaubühne der Welt, wenn nicht die Wiſſenſchaft ihm ein Plätzchen ſichert im botaniſchen Garten.