Aufsatz 
Der Manzanillo
Entstehung
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ungenießbar zu machen. Nichtsdeſtoweniger ſoll dieſelbe von der auf den Antillen gemeinen Landkrabbe ohne Nachtheil gefreſſen werden, alsdann aber der Genuß dieſer Thiere für den Menſchen gefährlich, ja tödtlich ſich erweiſen.

Dem Leſer iſt wohl die allerwärts verbreitete gemeine Wolfsmilch(Euphorbia Cyparisias) bekannt, welche die ſchöne, bunt chagrinirte Raupe des Wolfmilchſchwärmers ernährt und er mag ſich wundern, den Manzanillo, einen großen, apfeltragenden Baum des tropiſchen Amerika's in eine Familie gereiht zu finden, mit unſerem unſcheinbaren Unkraut. Allein die Botaniker haben längſt aufgehört, die Gewächſe ein⸗ zutheilen in Bäume, Sträucher und Kräuter. Merkmale, welche dem durch Veobachtungen nicht geſchärften Auge völlig entgehen, und die ſich vorzugsweiſe auf die Bildung der Blüthe und Frucht beziehen, ſind allein entſcheidend für die Syſtematik. Während in einer natürlichen Pflanzenfamilie der Charakter in dieſen Theilen bei allen ihr Angehörigen ſich gleich bleibt, begegnen wir in den Formen, Dimenſionen und Eigenſchaften der einzelnen Pflanzen oft ſehr auffallenden Verſchiedenheiten und Gegenſätzen.

Bei den Euphorbiaceen beſteht der ſpecifiſche Charakter der Familie vornämlich in den getrennten Blüthen, in der Bildung von Frucht und Samen und in der Form und Lage des Keims. Die meiſten Glieder der Familie zeichnen ſich überdies aus durch ihren Gehalt an einem milchigen, ſcharfen bis giftigen Saft und mehrere derſelben liefern der Heilkunde Arzneimittel.

Außer den botaniſchen Charakteren beachten wir aber bei nicht wenigen Pflanzen ſehr ausgezeichnete phyſiologiſche Eigenſchaften, indem von gewiſſen Theilen derſelben eine ausgeſprochene Wirkung auf den menſch⸗ lichen Organismus ausgeht und in dieſer Beziehung hat ja grade der Manzanillo einen ebenſo verbreiteten, als übel bezeichneten Ruf erhalten. Denn es wird von dieſem Baume geſagt, daß er giftige Dünſte aus⸗ hauche, daß er in ſeiner Umgebung eine Atmoſphäre verbreite, welche Jedem verderblich und tödtlich ſei, der darin verweile. Es wird ferner berichtet, daß Thau und Regen, welche vom Laubdach des Manzanillo herab⸗ träufeln, auf der Haut eines davon Betroffenen Blaſen und Geſchwüre erzeugen. In dem bekannten Werke von Schleiden,Die Pflanze und ihr Leben, begegnen wir der nachfolgenden, bezüglichen Stelle:

Der geſättigte Wilde ſchlendert umher, um ein neues Plätzchen zum Schlafen zu ſuchen, aber wehe ihm, Unachtſamkeit hat ihn verleitet, unter dem furchtbaren Manchinellbaum ſein Lager zu bereiten und ein plötzlich einfallender Regen träuft von deſſen Blättern auf ihn herab. Unter furchtbaren Schmerzen, bedeckt mit Blaſen und Geſchwüren, wacht er auf und wenn er mit dem Leben davon kommt, ſo iſt er mindeſtens um eine furchtbare Erfahrung über die giftigen Eigenſchaften der Euphorbiaceen reicher.

Endlich enthält, wie bereits angedeutet wurde, der Manzanillo in allen ſeinen Theilen einen milchigen Saft, von welchem namentlich die Rinde ſtrotzt und deſſen giftige Schärfe anerkannt iſt.

Grade dieſen phyſiologiſchen Eigenſchaften verdankt es ja der Manzanillo, daß er ſo berühmt, oder beſſer geſagt, ſo berüchtigt geworden iſt, daß, wie Schleiden weiter erzählt,der Manchinellbaum in Amerika mit ebenſo geheimnißvoller und faſt abergläubiger Scheu gemieden wird, als der fabelhafte Giftbaum auf Java.

Wird doch ſelbſt der Botaniker, der zunächſt als Forſcher dieſem Baum gegenübertritt, unter dieſem Ein⸗ druck angeregt zu dichteriſcher Auffaſſung des Gegenſtandes, wie uns die nachfolgenden Stellen aus de Tuſſac erkennen laſſen, der zu Anfang dieſes Jahrhunderts längere Jahre dem Studium der Flora der Antillen ge⸗ widmet hat.

Zum erſten Mal dem Manzanillo begegnend, ſo erzählt der Reiſende,betrachtete ich denſelben mit jener inneren Bewegung und unausſprechlichen Freude, die ſich des Botanikers bemächtigen, wenn er endlich eine längſt vergeblich geſuchte Pflanze vor ſich ſieht. Es ſcheint, ſo fährt de Tuſſac fort,daß die Natur mitunter abweicht, von ihrem gleichmäßigen und einheitlichen Plan. Denn beſorgt für die Erhaltung der mit Empfindung und Vernunft begabten Weſen, pflegt dieſe gemeinſame Mutter in der Regel den giftigen Gewächſen das Siegel ihrer Bösartigkeit aufzudrücken, indem ſie denſelben düſtere, das Auge zurückſtoßende Blüthen verleiht, oder die Luft verpeſtende Dünſte, wodurch nicht nur vernünftige Weſen abgehalten werden, ſondern auch die vom bloßen Inſtinkt geleiteten, der oft ſichrer führt als unſere Einſicht.