Wenn in dieſer großen Schlußſcene Muſik, Malerei und Darſtellungskunſt ſich vereinigen, um das Publikum tief zu erregen und zu bewegen, ſo muß mit einem gewiſſen Bedauern die naturwiſſenſchaftliche Kritik nachweiſen, daß ſo ziemlich die ganze Einführung und Darſtellung des Giftbaums in der Oper eine unrichtige und unwahre iſt. Wir ſind weit entfernt, hieraus der Dichtung einen Vorwurf zu machen. Die Naturgeſchichte müßte fortwährend in berichtigenden Eifer gerathen, wenn ſie gewiſſen dichteriſchen Verwen⸗ dungen ihrer Objecte begegnet, die nun einmal conventionell geworden ſind. So ſind z. B.„das Gift, das die Kröte ausſpritzt“—„der Schwanengeſang“—„der Tarantelſtich“ u. a. m. gebräuchliche, naturgeſchichtliche Unrichtigkeiten. Ja, Freiligrath's reizendes Gedicht,„Der Blumen Rache,“ beruht auf einer im Weſentlichen unrichtigen Thatſache.
Wohl aber iſt durch das Erſcheinen des Manzanillo auf der Bühne ein großes Intereſſe für dieſen Baum erregt worden, und vielfach hörte man Fragen über deſſen Naturgeſchichte aufwerfen. Selbſt Mancher, der ſich mit letzterer beſchäftigt, fühlte ſich doch wohl nicht hinreichend unterrichtet, um ſofort eine ſichere Ant⸗ wort zu ertheilen. Wir beſitzen aber eine reiche, auf mehr als zweihundert Jahre ſich erſtreckende Literatur über dieſen merkwürdigen Baum, deſſen Eigenſchaften vielfach der Gegenſtand wiſſenſchaftlicher Erörterung und Streitigkeiten geworden ſind. Es erſcheint daher als eine nicht undankbare Aufgabe, zurückgehend bis auf die älteſten Originalquellen, den Manzanillo zum Gegenſtand unſerer naturgeſchichtlichen Betrachtung zu machen.
Seinen Namen erhielt der Giftbaum urſprünglich von den Spaniern, welche ihn Arbos de Mansa- nillas oder Mancanillas nannten, das iſt nach der Erklärung des alten Holländers Johann Comellin „kleene Appeltjens-tragende Boom,“ da ſeine Früchte ganz das Anſehen kleiner rothwangiger Aepfel haben. Sonderbarerweiſe findet ſich jedoch dieſer Name bei den ſpäteren Autoren und in den verſchiedenen Sprachen zwar beibehalten, aber mit der mannichfaltigſten Verſetzung ſeiner Vocale. Wir leſen demnach: Mancanillo; Mancanilla; Mancinello; Mancenilla; Massinilia; Mancaneel Tree(engliſch); Mancenillier (franzöſiſch); und im Deutſchen Manſchenillenbaum, Manſchinellenbaum und Manchinellbaum.
Das Vaterland dieſes Baumes iſt Weſtindien. Er iſt gänzlich fremd in Madagasgar, Afrika und Oſtindien, alſo dem ganzen Schauplatz der Begebenheiten der Afrikanerin. Nachdem ſich einmal ein ſo weit⸗ gehender Realismus auf unſern Bühnen eingebürgert hat, daß man bemüht iſt, mit allen Mitteln der Kunſt die Scenerie in naturgetreuer Wahrheit herzuſtellen, ſo erſcheint es allerdings als ein Vorwurf, eine ſolche geographiſche Unrichtigkeit zuzulaſſen. Das Auftreten eines Löwen in den böhmiſchen Wäldern wäre nicht auffallender. Hierin verfährt die romantiſche Oper viel zweckdienlicher; ſie ſagt einfach:„Schauplatz, eine Inſel im Ocean“ und behält ſomit alle Freiheit der Verfügung über die Pflanzen⸗ und Thierwelt.
Der Verbreitungsbezirk des Manzanillo iſt ein ſehr großer, denn man hat ihn auf der ganzen Inſel⸗ reihe angetroffen, die aus den kleinen und großen Antillen und den Bahamainſeln gebildet wird, und in einem ungeheuren Bogen vom 10. Grad bis nahezu an den 30. Grad nördlicher Breeite ſich erſtreckt.
Sein Standort iſt die Meeresküſte, ſo daß er ſeine Wurzeln in ſalzigem Waſſer oder ſalzgetränktem Boden verbreitet. Man darf jedoch annehmen, daß der Manzanillo gegenwärtig auf den meiſten dieſer Inſeln gänzlich oder nahezu gänzlich ausgerottet iſt.
Nicht gering iſt die Anzahl von Autoren, welche ſeit dem 17. Jahrhundert Nachrichten über den weſt⸗ indiſchen Giftbaum mittheilen. Wir begegnen allen ſeefahrenden Nationen, wie ſie eben nach einander und neben einander auf jenem reichen Inſelgebiete Fuß faßten. Auch ſind darunter die verſchiedenſten Stände vertreten und eigentliche Naturforſcher haben verhältnißmäßig erſt ſpät den Gegenſtand unterſucht. Dem Namen nach führen wir an: Peter Martyr, Nimenes, Thevet, Benzo, Tertre, Esquemeling, Catesby, Com⸗ mellin, Plumier, Dampier, Oviedo, Smith, Hughes, Sir Walter Raleigh, John Hawkins, Thomas Ortizius, Sir Hans Sloane, Jaquin, de Tuſſac, Descurtilz. Aus mehreren werden wir Auszüge ihrer Beobachtungen anführen.
Der große Syſtematiker Linné gab dem Baum den Namen„Hippomane mancinella“ und theilte ihn der neunten Ordnung ſeiner einundzwanzigſten Klaſſe zu. Dieſe Benennung wurde abgeleitet von Hippomanes d. i. Pferdewuth, weil die Pferde wüthend werden ſollen, wenn ſie von deſſen Früchten freſſen.


