Der Nanzanillo.
Friedrich Schoedler.
Durch Meyerbeer's letzte Oper„die Afrikanerin“ iſt die Aufmerkſamkeit des großen Publikums auf einen Baum gerichtet worden, an welchen ſich eine jener naturgeſchichtlichen Mythen knüpft, die, wie es öfter vorkommt, einen mehr oder weniger berechtigten Hintergrund beſitzend und in ihrer theilweiſen oder gänzlichen Unhaltbarkeit wiederholt nachgewieſen, dennoch mit Zähigkeit ſich erhalten und immer wieder auf⸗ tauchen. Es iſt dies der Manzanillo, ein Giftbaum, der in genannter Oper benutzt wird, zur Herbei⸗ führung einer wirkungsvollen Kataſtrophe, welcher die Heldin des Stückes unterliegt.
Welche Vorſtellungen von dieſem Baume dabei maßgebend waren und dem Publikum in Wort und Bild vorgeführt worden ſind, erhellt am beſten, wenn wir die betreffenden Stellen aus dem V. Akt der Oper hier mittheilen. Zuerſt eine warnende vorbereitende Stimme:
2„O, nahet euch ihm nicht, Dort ſteht, o denkt daran, mit ſeinem mächt'gen Schatten Der Manzanillobaum; er gibt den ſich'ren Tod. Weh' dem, der ſich ihm naht, Seinem ſüßen Duft, den die Blüthen ſpenden. Zuerſt wohl glaubt er ſich in himmliſchen Regionen, O trügeriſches Bild, gefährlich böſer Traum, Der zum Wahnſinn ihn führt und vom Wahnſinn zum Tod!“ (Afrikanerin, Akt V.)
Sodann die Worte, die Selica, die Afrikanerkönigin ſelbſt an den Manzinello richtet:
„Du Tempel, reich und herrlich, von Blättern aufgebauet,
Der ſeine Trauerzweige in dem Winde bewegt,
Der Hafen du, den nach dem Sturm mein Aug' erſchauet,
Da keine Hoffnung meine Seele erregt,
Sei Grab meinem Herzen, das bald nun nicht mehr ſchlägt. Blumen ſchön und ſo roth, euch ſeh' ich mit Entzücken,
Ihr ſollt die Bruſt der jungen Gattin ſchmücken,
Zu dieſer Feier ſeid ihr der bräutliche Kranz!
Man ſagt, ihr ſüßer Duft verleiht ein gräßlich Glück;
Die Seele ſieht das Himmelreich, wo ſie der Engel Chören lauſcht, Dann folgt der lange Schlaf, der befreit von Qual und Noth.“


