Aufsatz 
Die Schule und der Krieg
Entstehung
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Aber in dieſem Kriege hat die Welt Eigenſchaften und Leiſtungen der deutſchen Armee kennen gelernt, die weder im nützlichen noch gelehrten Wiſſen ihren Grund haben, Eigenſchaften, deren Werth ſich nicht auf der gewöhnlichen Nützlichkeitswaage abwiegen und taxiren läßt.

Gehorſam, Mannszucht, Disciplin unverweigerlich, unverdroſſen, unerſchütterlich, feſt und beharrlich unter den größten Schwierigkeiten und Entbehrungen, muthig und unerſchrocken inmitten der drohendſten Lebensgefahren das ſind Tugenden, die einer Armee nicht nur zur höchſten Ehre, ſondern auch zum größten Nutzen gereichen und die der Menſch nicht durch Studium erwirbt, ſondern die ihm die Erziehung verleiht.

Der Verſtand fordert und drängt von ſelbſt nach dem Wiſſen und dem Erwerb von Kenntniſſen. Aber im Menſchen regt ſich neben dem Verſtand der Wille, dieſe von Gott ihm verliehene Freiheit der Selbſtbe⸗ ſtimmung, dieſe Möglichkeit des Widerſpruchs und Widerſtandes gegen die Gefühle, Neigungen und Bedürf⸗ niſſe, die der Menſch gemein hat mit dem Thiere. Nur der freie Wille ſtellt ihn unvermittelt dieſem gegenüber, hoch über dasſelbe, wenn er Herr iſt des Willens tief unter dasſelbe, wenn ſein Wille der Sklave niedriger Leidenſchaft geworden iſt.

Das Kind bringt aber in die Schule ebenſowohl ſeinen Willen mit, als ſeinen Verſtand, und daraus folgt, daß die Schule nicht nur eine Lehrerin, ſondern auch eine Erzieherin ſein muß. Ihre Aufgabe iſt es, den Willen des Menſchen zu leiten in rechte Bahnen und zu kräftigen zu feſter Beharrlichkeit die Schule iſt es, wo früh ſchon dem Menſchen offenbar wird, daß der freie Wille nicht Willkür ſein darf daß die Freiheit des Nachbars die eigne Freiheit beſchränkt daß der Wille aller Einzelnen unterworfen iſt dem Zweck des Ganzen, der Ordnung, dem Geſſetz.

Dies iſt der weſentliche Gehalt deſſen, was wir Schulzucht, Disciplin nennen, und es iſt unſere wichtigſte Aufgabe, durch freundliche Gewöhnung, durch ruhige Feſtigkeit und gerechtes Maßhalten die Be⸗ ſchränkung der Freiheit des Einzelnen zum Wohl des Ganzen, die Achtung vor Geſetz und Autorität heran⸗ zuziehen und zu befeſtigen. Indem mit dem zunehmenden Alter gleichzeitig auch Verſtand und Kenntniſſe des Menſchen wachſen, erkennt er um ſo leichter, beſonders an der Hand der Geſchichte, die Nothwendigkeit von Ordnung und Zucht im Kleinen, wie im Großen, und es bedarf dann nicht harter Maßregeln und Zwangs⸗ mittel zu deren Durchführung. Der wohlerzogene Menſch fühlt ſich freier als der rohe; indem er das Recht des Anderen achtet, fordert er ſtillſchweigend das eigne.

Ohne den durch ſittliche Zucht befeſtigten Willen des Menſchen beſteht für dieſen keine größere Gefahr als in den Looſungsworten aller Revolutionen:Freiheit Gleichheit und Brüderlichkeit!

Keine Wahrheit iſt insbeſondere verderblicherem Mißbrauche ausgeſetzt, als der Ausſpruch:Alle Menſchen ſind gleich!

Gewiß vor Gott und vor dem Geſetz ſind alle Menſchen gleich untereinander aber ſind dieſelben höchſt verſchiedener Art. Der junge und unerfahrene Menſch iſt nicht gleich dem älteren und erfahrenen der unwiſſende iſt nicht gleich dem unterrichteten der geiſtig beſchränkte iſt nicht gleich dem geiſtig begabten der ſchwache und kränkliche iſt nicht gleich dem ſtarken und geſunden der faule iſt nicht gleich dem fleißigen der lüderliche, der ſein ererbtes Gut verſchwendet, iſt nicht gleich dem Haushälter, der es erhält und vermehrt und ſo ergeben ſich noch tauſende von Fällen, die auf's deutlichſte zeigen, wie ungleich die Menſchen von Natur aus ſind, und wie hieraus die verſchiedenſten Lebensſtellungen und Schickſale derſelben nothwendig hervorgehen.

Keine menſchliche Weisheit und Macht, kein Geſetz, keine Fürſorge von Staat und Gemeinde wird je im Stande ſein, dieſe Ungleichheiten auszugleichen, die begründet ſind in der Unvollkommenheit der menſchlichen Natur. Staatliche Einrichtungen vermögen dieſelben zu mildern, aber die Hauptaufgabe wird ſtets dem Einzelnen anheimfallen.

Und von allen Hülfsmitteln, die hierzu die Hand bieten, iſt wieder die Schule das univerſelſte, das wohlthuendſte. Sie iſt es, die mit der Gewöhnung zur Arbeit die Gewöhnung zur Ordnung verbindet und Zucht und Disciplin, die ſpäter im Volk und Heer ſich erproben ſollen, ſie erhalten ihre erſte und beſte

Grundlage in der Schule. 5