1 28
Freilich hatte eine mehr als 50 jährige Periode des Friedens uns mehr und mehr an den Gedanken gewöhnt, daß Bildung gleichbedeutend ſei mit Frieden, und daß der Krieg nur noch ein Attribut der Uncultur und Rohheit ſei. Es war ſprüchwörtlich geworden, daß die hochgebildeten Völker Europas nur noch wetteifern ſollten in Wiſſenſchaft, Kunſt und Gewerbe, und die Pariſer Ausſtellung im Jahre 1867 ſchien als ein Ver⸗ brüderungsfeſt dieſen ſchönen Gedanken zu verſinnlichen. Doch inmitten der Tauſende von Erzeugniſſen, die allen Bedürfniſſen und Genüſſen des Lebens und Behagens dienen, erhoben ſich dort wie ein warnendes„Mene Tekel“ jene furchtbaren Zerſtörungswerkzeuge des Krieges, ausgeſtattet mit allen Fortſchritten der Wiſſenſchaft und Technik, nicht ahnen laſſend, daß an gleicher Stätte wenige Jahre nachher, grade von dieſen Proben der ſchrecklichſten Art ihrer Wirkſamkeit abgelegt werden ſollten.
Allein nicht jeder Fortſchritt iſt Bildung, nicht jede Steigerung der Cultur iſt begleitet von einer ent⸗ ſprechenden Veredlung und Vervollkommnung des menſchlichen Geiſtes und Herzens. Ja es giebt Auswüchſe der Cultur, geeignet, die ſchlimmſten Neigungen im Volke zu wecken und zu ſteigern zu den gefährlichſten Lei⸗ denſchaften. Bei einem ſolchen Volk bedarf es dann nur des Zündſtoffs, und der Krieg iſt da.
Die rechte Bildung, wenn ſie die Volkskraft ſtärken, wenn ſie das Volksheer zum Siege führen ſoll, muß den ganzen Gehalt des Menſchen erfaſſen und heben, ſie muß Bildung des Verſtandes, Bildung des Willens und Bildung des Herzens ſein, damit als Früchte derſelben das Wiſſen, die Zucht und die Treue das ganze Volksleben durchdringen.
Preiſen wir die Schule, wenn wir bis zu ihr als der Quelle zurückzugehen vermögen, aus der dieſe ſchönen Bürgertugenden entſpringen!
Betrachten wir zunächſt die Bildung des Verſtandes und ihr Ergebniß:„Das Wiſſen“. Keine Seite der Wirkſamkeit der Schule findet leichter und vielſeitiger Anerkennung als die auf das Erwerben von Kenntniſſen gerichtete. Die Nützlichkeit deſſen ſpringt klar in die Augen. Schon die elementare Kenntniß des Leſens, Schreibens und Rechnens giebt dem, der ſie beſitzt, eine Ueberlegenheit über den, dem ſie abgeht. Die Ver⸗ breitung dieſes niederſten Grades der Bildung gilt allgemein als Maßſtab für den Bildungszuſtand eines Volkes überhaupt. Sie iſt in Deutſchland ſo allgemein vorhanden, daß ſie als ſelbſtverſtändlich vorausgeſetzt und in Ausnahmsfällen auf perſönliche oder lokale Mängel und Schäden hingewieſen wird. Aber zahlreich und zugänglich für Jeden ſind in Deutſchland Schulen für den höheren Unterricht in jeder Richtung.
Da gilt denn das Erlernen einer fremden Sprache ſchon als Geiſtesübung für eine nützliche Arbeit, und wenn wir auch nicht die Sprachen aller Nachbarvölker zu lernen vermögen, ſo hat ſich in dieſem Kriege doch die im deutſchen Heere verbreitete Kenntniß der franzöſiſchen Sprache von größtem Vortheil erwieſen.
Aber auch der Nutzen des geographiſchen Unterrichts trat zu Tage. Nicht als ob es möglich und erreichbar geweſen wäre, daß jeder deutſche Soldat die Gebirge, Flüſſe, Städte und Dörfer Frank⸗ reichs gekannt hätte, um ſofort ſich zurecht zu finden— das können die Wenigſten im eigenen Lande. Aber das durch den geographiſchen Unterricht an die Beobachtung und das Verſtändniß der Landkarte, an ihre Höhenzüge, Flußrinnen, Entfernungen gewöhnte Auge wird raſch mit deren Hülfe im fremdeſten Lande zu Hauſe ſein.
Und je verbreiteter der geographiſche Unterricht, deſto verbreiteter ſeine Hülfsmittel, die Landkarten. Millionen der trefflichſten Landkarten ſind in die Hände unſerer Soldaten gegeben worden, zu weſſentlicher Erleichterung und Sicherung all ihrer Bewegungen.
Erheben wir uns endlich zu den Bildungsanſtalten, wo die Wiſſenſchaft die Geſetze ſucht und deren Anwendung lehrt als Hülfsmittel der Kriegsführung, wie die Entfernung und Ziel berechnende Geometrie, die mechaniſche Technik der großen Feuerwaffen und die chemiſche Technik der Zünd⸗ und Sprengmaſſen, ſo tritt auch hierin eine entſchiedene Ueberlegenheit auf deutſcher Seite an den Tag. Vereinzelt ſteht die altbe⸗ rühmte Pariſer Polytechniſche Schule zahlreichen techniſchen Hochſchulen in Deutſchland gegenüber, die ihr ebenbürtig, ja in Manchem ſelbſt überlegen ſind.
Es würde zu weit führen, alle Richtungen zu verfolgen, nach welchen die Schule Kenntniſſe verbreitet, die ſich nützlich erweiſen, nützlich zu Haus und im Feld, im Frieden und im Krieg. Für Viele iſt ja die Schule nur eine ſolch äußere Nützlichkeitsanſtalt zur Förderung des Fortkommens.


