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Wir glauben, daß im Ganzen grade die deutſche Schule hierin einen guten Takt einhält. Ihr durchweg öffentlicher Charakter vermeidet die klöſterliche Abgeſchloſſenheit und die militäriſche Härte, die in Schulen anderer Länder ſo leicht den Widerwillen und die Oppoſition gegen die Disciplin hervorrufen.
Und Dank der Fürſorge des Staats und der Gemeinden ſind die Anforderungen ſelbſt unſerer höheren Schulanſtalten ſo mäßig, daß auch der weniger Bemittelte den Zutritt zu denſelben erreichen kann. Daher ſehen wir grade hier in dieſer Stadt und durch unſere Schule fortwährend eine aufſteigende Bewegung ſich vollziehen aus dem Stande fleißiger und ſparſamer Arbeiter zu den gehobeneren Lebensverhältniſſen des Handelsſtandes und der Induſtrie, und mit freudigem Auge begleiten wir dies ächte und rechte Streben, dem Höherſtehenden ſich gleich zu ſtellen.—
Kenntniſſe und Zucht, Geſchick und Disciplin der Armee werden endlich ergänzt durch die Treue, die Frucht der Bildung des Herzens.
Wir können uns eine Schule denken, in der gar viel Nützliches gelernt wird und ſtrenge Ruhe und Ordnung herrſcht, aus der geſchickte Arbeiter hervorgehen und kluge Bürger, die ſich wohl hüten, mit dem Geſetz in Berührung zu kommen. Und doch würde uns ein ſolch ödes Schul⸗ und Volksweſen weder Freude noch Vertrauen erwecken. Wo kein warmer Herzſchlag lebendig durch Jung und Alt geht, da findet ſich wohl eine Gemeinde von kleinen und großen Egoiſten, aber nicht die Schule, nicht das Volk, wie wir ſie lieben, wie wir es wollen.
Der Verſtand und das Wiſſen trennen mehr die Menſchen, als daß ſie dieſelben einander nähern; der Wille, ſtets eiferſüchtig auf ſeine Freiheit, führt den Menſchen leicht zurück auf ſich ſelbſt— aber das Herz zieht den Menſchen zum Menſchen mit tauſend unſichtbaren Fäden. In ihm glüht jener Gottesfunke, von dem alles ausgeht, was erwärmt und wohlthut— die Theilnahme, die Freundſchaft, die Liebe— die Anhänglichkeit, die Treue, die Aufopferung. Aus dem Herzen ſpricht die Gottesſtimme, die zu Gericht ſitzt über Verſtand und Wille.
Dieſe Kraft ſchöpft das Herz nicht aus den irdiſchen, endlichen Dingen; ſeine Nahrung iſt die Gottesquelle der Religion. Dieſe allein überliefert uns die großen Gedanken, welche hinausreichen über das beſchränkte zeitliche Bedürfniß in das Unendliche, Ewige.
Wie die Wiſſenſchaft die Geſetze der natürlichen Welt ergründet und lehrt, ſo lehrt uns die Religion die Geſetze, welche den inneren, den geiſtigen Menſchen regieren. Sie ſpricht das herrliche Geſetz aus:„Du ſollſt Gott lieben über Alles und deinen Nächſten, wie dich ſelbſt,“— dieſes Geſetz der Liebe, ohne welches die Menſchheit ein Haufen von Conſummenten iſt, der beim geringſten Anſtoß zerfällt in Atome.
Der Anbau und die Pflege des jugendlichen Herzens iſt daher eine Hauptaufgabe der Schule. Außer den Lehren der Religion nimmt ſie alles zu Hülfe, was aus dem Gebiete der Geſchichte und der Poeſie an Beiſpielen des Edlen, Großen und Erhabenen, der Treue, Hingebung und Aufopferung geboten iſt. So erzieht ſie die Pietät, jene liebevolle Achtung, die das Kind den Aeltern, der Schüler dem Lehrer, die Jugend dem Alter, der Bürger dem Fürſten und Vaterland ſchuldet. So webt ſich ein Band, das ein Volk feſt zuſammenhält in Freud und Leid, in Glück und Unglück, ſo bildet ſich die Treue, die ſchönſte Perle im Tugendkranz des deutſchen Volkes.
Wo anderwärts findet man die Berufstreue, mit der der deutſche Lehrer und Beamte in den beſcheidenſten, leider oft in den dürftigſten Verhältniſſen, zuverläſſig und gewiſſenhaft ſeine Pflicht erfüllt. Und hat ſich nicht im Laufe dieſes Krieges eine gleiche Pflichttreue und Tüchtigkeit bewährt in den Leiſtungen Aller, vom Höchſtkommandirenden herab bis zum geringſten Soldaten, im Dienſt der Eiſenbahnen und Poſten, im ſegens⸗ reichen Wirken der Pflege und Erquickung der Kranken, Verwundeten und Ermüdeten!
Faſſen wir denn nochmals unſere Betrachtung zuſammen dahin, daß wir in der Bildung eines Volkes eine gewaltige latente Kraft erkennen, in der Bildung, die in ſich vereint, Wiſſen, Zucht und Treue. Freuen wir uns, ſagen zu dürfen, daß der Schule der Antheil zuerkannt wird, den ſie hat an der Erwerbung jener Kraft, an dem Erfolg ihrer Ausübung, am Kriegsruhm.


