Aufsatz 
Die Erziehung zur Arbeit
Entstehung
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Ja, die Arbeit übt eine erfriſchende und kräftigende Wirkung auf Körper und Geiſt. Wenn die körperliche Anſtrengung unſere Muskel ſtählt, das Blut in raſcheren Umlauf verſetzt und den ganzen Lebensprozeß hebt und fördert, ſo iſt es die Geiſtesarbeit, die uns bewahrt vor jener Erſchlaffung und Stumpfheit, zu welcher geiſtesträge Menſchen und Völker herabſinken.

Nur die vorausgegangene Arbeit verleiht den ſüßen Genuß der Ruhe, das wahre Behagen und

die rechte Fröhlichkeit der Erholung. Was wäre das Leben, ohne den wohlthätigen Wechſel von Mühe und Freude? Wenn wir vorhin geſehen haben, wie durch ein Uebermaß von Arbeit der Menſch herab gedrückt wird und verkümmert, ſo können wir hier mit noch viel grellerer Farbe zeichnen, wie durch die Scheu vor jeder Thätigkeit der Menſch herabſinkt unter den ärmſten Arbeiter. Denn wie dieſer unſere Theilnahme, unſer Mitleiden verdient, ſo betrachten wir den entnervten Müßiggänger mit Verachtung und Abſcheu. . Die Arbeit übt eine hervorragend ſittlichende Wirkung a aus. Eine rege Thätigkeit hält von dem Menſchen fern jene üblen Gedanken, welche dem unbeſchäftigten Geiſte ſich aufdrängen. Der Fleißige, in Verfolgung ſeiner Arbeit, erfährt durch ſie eine wohlthuende Mäßigung der Leidenſchaften und Begierden, welchen ſchutzlos der Müßiggänger preißgegeben iſt, dies führt uns die alte und neue Geſchichte in ergreifenden Bildern vor.)

So lange die Römer in unabläſſigem Kampfe nach Außen und in ſteter politiſcher Erregung im Innern als das rührigſte Volk des Alterthums ſich erwieſen, ſo lange wuchs Macht und Anſehen derſel⸗ ben. Aber bereichert durch die geraubten Schätze der Erde, hingegeben dem Müßiggang und der Aus⸗ ſchweifung, wurden ihre Redner zu Schwätzern, ihre Helden zu Tänzern und Schauſpielern. Während der äußere Glanz des Kaiſerthums, geſtützt auf die wankelmüthige Treue fremder Söldner und Hülfs⸗ truppen, eine Zeit lang die Welt noch zu täuſchen vermochte, hatte eine innere Fäulniß bereits die Grundlage des mächtigſten Reiches zerſtört, ſo daß es dem Andrang roher, aber thatkeäftiger Barbaren erliegen mußte.

Aehnlich nachtheilig hat früher in Griechenland die Anhäufung von Reichthum nach den Perſer⸗ kriegen, und ſpäter in Spanien nach den aus Amerika zuſtrömenden Goldflüſſen ſich erwieſen. Die Arbeit, die ſtete Anſpannung der Kräfte wurde vernachläſſigt und die Thatkraft erlahmte in dem Maße als Verweichlichung und Genußſucht zunahmen.

Und blicken wir heute um uns, wo begegnen wir der größten Fülle von Macht, Reichthum, wo der dichteſten Bevölkerung, der höchſten Entwicklung der Gewerbe, der Künſte und Wiſſenſchaften? Nur da, wo das Volk arbeitet, wo, gezwungen durch die Beſchaffenheit des Landes, die Arbeit eine Gewohnheit, ein Bedürfniß geworden iſt. Nur durch die Arbeitſamkeit ſeiner Bewohner erhielt das kleine Europa das Uebergewicht über die ungeheuren Continente der anderen Welttheile nur durch den nach Nordamerika verpflanzten Trieb nach Thätigkeit iſt dieſes zur Herrſchaft über den Süden gelangt.

1 Alle Verſuche, eine höhere Cultur, eine geiſtige Bildung zu wecken, ſcheitern in jenen Climaten, wo faſt ohne Arbeit die Erde dem Menſchen die Nahrung bietet, wo überdies eine tropiſche Sonne über Körper und Geiſt brütet. Die traurige Verkommenheit der meiſten Staaten von Südamerika, insbeſondere von Mexiko und der benachbarten Republilen, beruht weſentlich darin, daß der dortigen Bevölkerung die Gewohnheit der geſunden Arbeit nahezu gänzlich abhanden gekommen iſt, daß an die Stelle dieſes allein rechtmäßigen und ſittlichen Erwerbmittels die Gewaltthat, der Raub, die Spielwuth, die Beſtechlichkeit, der Verrath getreten ſind, in welchen man die dienlichſten Mittel erkennt, um ohne Arbeit der Genüſſe des Lebens theilhaftig zu werden.

Gibt es dieſem troſtloſen Zuſtand gegenüber wohl ein freundlicheres Bild, als der Anblick eines arbeitſamen Volkes, einer fleißigen Gemeinde und Familie? Denn nicht blos negativ wirkt die Arbeit durch Abwehr des Böſen, ſie fördert auch poſitiv das Gute. In ihr findet die wahre Religioſität ihre beſte Nahrung und Stütze. Dies wird uns ſo recht auffällig, wenn wir hinausgehen auf das Land zur Sonntagsfeier einer arbeitſamen Gemeinde. Gott ſelhſt hat die Arbeit geheiligt, denn er will, daß dem treu erfüllten Tagwerk der Woche ein Tag der Ruhe, der Erholung, der körperlichen und geiſtigen Er⸗