Aufsatz 
Die Schulfreundschaft
Entstehung
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Die Erinnerung an das glückliche, in gemeinſamer Arbeit und Luſt verbrachte unverdorbene Jugendleben iſt ein ſo ſüßes Gefühl, eine ſo anmuthig tönende Saite im Stimmwerke des menſchlichen Gemüths, daß der Dichter faſt unwillkürlich dieſelbe anſchlägt, wenn er ſo recht innig und warm zum Herzen ſprechen will.

Mehrfache, den Meiſterwerken unſerer größten Dichter zu entnehmende Beiſpiele beſtätigen dies. Da finden wir gleich im Götz von Berlichingen eine entſprechende Scene. Götz hat den Weis⸗ lingen gefangen genommen und ſucht ſeinen ehemaligen Jugendfreund und jetzigen Gegner zu verſöhnen und wieder zu gewinnen:

Götz.Kommt, ſetzt euch, thut, als wenn ihr zu Hauſe wäret! Denkt, ihr ſeid einmal wieder beim Götz Haben doch lange nicht beiſammen geſeſſen

Weisl.Die Zeiten ſind vorbei.

Götz.Behüte Gott! Zwar vergnügtere Tage werden wir wohl nicht wieder finden, als an des Markgrafen Hof, da wir noch beiſammen ſchliefen und mit einander umherzogen. Wir hielten immer zuſammen als gute brave Jungen. Dafür erkannte uns auch Jedermann. Caſtor und Pollux! Mir thats immer im Herzen wohl, wenn uns der Markgraf ſo nannte.

Weisl.Der Biſchof von Würzburg hatte es aufgebracht.

Götz.Das war ein gelehrter Herr und dabei ſo leutſelig. Ich erinnere mich ſeiner, ſo lange ich lebe, wie er unſere Eintracht lobte und den Menſchen glücklich prieß, der ein Zwillingsbruder ſeines Freundes wäre!

Auch Don Carlos ſeinem zurückhaltenden Freunde Poſa gegenüber, den er mit ganzer Macht

an ſein Herz ziehen möchte, ſchlägt mit Erfolg dieſelbe Saite an:

Carl.So tief

Bin ich gefallen bin ſo arm geworden, Daß ich an unſre frühen Kinderjahre

Dich mahnen muß daß ich bitten muß, Die lang vergeßnen Schulden abzutragen,

Die du noch im Matroſenkleide machteſt,

Als du und ich zwei Knaben wilder Art So brüderlich zuſammen aufgewachſen.,

Selbſt in dem finſteren Wallenſtein, inmitten ſeiner ehrgeizigen und gefährlichen Pläne, dämmert beim Anblick des alten Commandanten Gordon der liebliche Schein der Jugendfreundſchaft auf und ſpricht ſich aus in den folgenden Worten:

Wie doch die alte Zeit mir näher kommt.

Ich ſeh mich wieder an dem Hof zu Burgau, Wo wir zuſammen Edelknaben waren.

Wir hatten öfters Streit, du meinteſt's gut

Und pflegteſt gern den Sittenprediger zu ſpielen.

Und als Gordon es wagt, den Hochſtrebenden an Pflicht und Treue gegen den Kaiſer zu er⸗ innern, ſpricht der Herzog: 3

Gordon des Eifers Wärme führt Euch weit, Es darf der Jugendfreund ſich was erlauben.

Wohl ſind dies nur Worte der dichteriſchen Phantaſie, allein ſie ſind dem wahren innerſten Weſen des menſchlichen Gemüthes entliehen, mit welchem ja die Dichtung nicht im Widerſpruch erſcheinen darf, ohne überhaupt ihren Werth einzubüßen.

Wenn wir ſo hingewieſen haben auf die Schönheit der Schulfreundſchaft an ſich, als auf eine Quelle lauteren Genuſſes und ein wohlangelegtes Capital dankbar zinstragender Erinnerung, ſo ſcheint es faſt einen Hauch auf den Glanz dieſes Bildes zu werfen, wenn wir auch der äußerlichen Vortheile wenigſtens gedenken, welche früh geknüpfte Freundſchaften dem Menſchen im ſpäteren Alter zu gewähren vermögen. Aber es ſagt ja ſchon ein altes klaſſiſches Sprüchwort:Eine das Schöne dem Nützlichen!