Aufsatz 
Die Schulfreundschaft
Entstehung
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Allein nicht einem Jeden, der die Schule beſucht, gewährt ſie das Glück, eines Schulfreundes ſich zu erfreuen. Wer hat nicht ſchon jene vereinſamten Schüler geſehen, die inmitten einer in befreun⸗ dete Gruppen getheilten Klaſſe theilnahmlos und abgeſondert daſtehen, die weder in Freud noch Leid ſich enger anſchließen an den Genoſſen, den Kamerad, den Freund? Man iſt geneigt, eine derartige Ver⸗ einzelung nicht günſtig zu beurtheilen und ſie hat in der That nicht ſelten ihren Grund in einer fehler⸗ haften Gemüthsanlage des Schülers. Vorurtheile des Standes, des Vermögens, Stolz oder Eitelkeit auf wirkliche oder eingebildete Vorzüge, Empfindlichkeit gegen das rauhe Weſen der Mitſchüler, bis zur Feig⸗ heit geſteigerte Aengſtlichkeit im Verkehr mit denſelben, Mangel an Offenheit, Heuchelei und Tücke ſie ſcheiden in der Regel und unwillkürlich den damit behafteten Schüler von ſeiner Umgebung.

Doch hüte man ſich, den alſo Vereinzelten ſofort zu verurtheilen meiſt verdient er mehr unſer Bedauern, unſere Hülfe und Unterſtützung. War Selbſtüberhebung eines Schülers die Urſache ſeiner Ab⸗ ſonderung, ſo wird dieſe noch am raſchſten geheilt durch den Gemeingeiſt einer tüchtigen Klaſſe. Aber das zarte und weiche Weſen einer innerlichen Natur erſcheint leicht als Verwöhnung und Verweichlichung; das ſcheue und zurückhaltende Weſen eines Schülers iſt oft nur die Folge unglücklicher Mißgriffe der Erziehung oder trauriger Verhältniſſe in der Familie, oder gar ein Ausfluß körperlicher Leiden. Hier kann die Schule ungemein wohlthuend eingreifen, das zarte Gemüth pflegend und ſtärkend, den Gedrückten ermunternd und aufrichtend, geiſtig und körperlich.

Doch nicht ausſchließlich in gutem Sinne ſind alle Verbindungen zu nehmen, welche in der Schule ſich anknüpfen. Grade die öffentliche Schule, die ihre Schüler nicht auswählt, die auch an ſolchen ihre erziehliche Kraft beweiſen muß, die nicht frei ſind von Fehlern, ſie giebt auch Gelegenheit zur Anknüpfung von Bekanntſchaften und Verhältniſſen, die nicht in der gegenſeitigen Anziehung edler Seelen, ſondern in der Hinneigung des Trägen, des Unordentlichen, des ſittlich Verwahrloſten zu ſeines Gleichen begründet iſt. Auch der beſſere Schüler iſt der Gefahr ausgeſetzt, in den Kreis derartiger Elemente gezogen zu werden und nicht ohne Sorge mag das Elternhaus ſeinen Sohn dieſer Möglichkeit preisgegeben ſehen.

Und doch kann ſich keine Schule deſſen entſchlagen, daß auch in ihren Schülern die menſchlichen Schwächen und Unvollkommenheiten bereits vertreten ſind, die im ſpäteren Leben ſelbſtſtändiger und un⸗ verhüllter hervortreten. Es ſoll ja ein Hauptergebniß ihrer erziehlichen Wirkſamkeit ſein, den Menſchen früh daran gewoͤhnen, Unrechtes und Fehlerhaftes kennen zu lernen, ohne ſich an demſelben zu betheili⸗ gen, vielmehr ihm entgegen zu treten, es zu bekämpfen. Wer davor in der Jugend behütet durch eine abgeſonderte Erziehung ſpäter unerfahren ins Leben eintritt, wird leicht den ſchlimmen geſelligen Einflüſſen gegenüber ſich rath⸗ und wehrlos erweiſen.

Wir ſetzen dabei voraus daß die Schule ſelbſt in der Duldung fehlerhafter Glieder das Nerignetr Maß einhält, daß ſie mit Eifer auf deren Beſſerung hinarbeitet, daß ſie endlich ſolche, die ſich dieſer Bemühung gegenüber hoffnungslos erweiſen, rechtzeitig ausſcheidet.

Denn die wahre und dauernde Freundſchaft kann nur in einem ſittlichen Grunde beruhen und auch die Schulfreundſchaft erſcheint nur dann in ihrem ſchönſten Lichte und in ihren ſegensreichſten Folgen, wo der Gute ſich anſchließt an den Tüchtigen.

Geſell' dich einem Beſſren zu,

Laß mit ihm deine Kräfte ringen;

Wer ſelbſt nicht weiter iſt als du,

Der wird dich auch nicht weiter bringen.

In dieſem Sinne die Schulfreundſchaft zu begünſtigen und zu befördern, iſt lohnende Aufgabe der Schule und der anregende Einfluß, den der mitarbeitende Genoſſe, der voranſtrebende Freund auf den anderen ausübt, gehört mit zu den beſten und unerſetzlichen Vorzügen des freien, ffentlichen Erziehungs⸗ weſens.

Endlich fehlt es auch nicht an eigenthümlichen Beiſpielen von Freundſchaften, die in der Schule gleichſam latent geblieben ſind, und die erſt ſpäter, wenn in dem Leben die Eharatier ſich aufgeſchloſſen haben, in voller Lebendigkeit hervortreten. 1