Aufsatz 
Die Schulfreundschaft
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

Freundes, ſo daß ein öfterer Wechſel derſelben es dem jungen Menſchen ſehr erſchwert, ſich wahrer Schul⸗ freundſchaft zu erfreuen.

Am ſtärkſten entwickelt ſich ein genoſſenſchaftlicher Gemeingeiſt in den geſchloſſenen Penſionaten Hier, wo das ſtrenge Regiment der Schule nicht abgelöſt wird von dem milden Walten der Familie, wird von der freiheitbedürftigen Jugend die feſte Schulordnung faſt immer als ein Druck empfunden, der den gemeinſamen Widerſtand hervorruft. Am Auffallendſten tritt dies hervor in den zahlreichen, faſt militäriſch geregelten franzöſiſchen Penſionaten. Lehrer und Aufſeher, die hier den Schüler faſt beſtändig im Auge behalten, werden kaum vermeiden, daß ſie demſelben nicht als natürliche Gegner erſcheinen, die ihn auf Tritt und Schritt beobachten, hemmen und einſchränken. Dem Vorgeſetzten ſich zu entziehen, ihn zu täuſchen, ihm gegenüber zu treten, ja ſich offen zu widerſetzen dies wird dann bald zu einer all⸗ gemeinen Aufgabe, Pflicht und Verbindlichkeit. Da begegnen wir denn jener Neigung zum Complot, zu widerſetzlicher Verſchwörung, die dort nicht ſelten zum offnen Ausbruch kommen und gern im ſpäteren Leben ſich fortſetzen. Es iſt begreiflich, daß eine ſolche Schule, in der Alle einer rückſichtsloſen Herrſchaft der Geſammtheit ſich unterwerfen müſſen, die Pflege zarter Freundſchaft weniger begünſtigt. Die ange⸗ nehmſten Erinnerungen an das Schulleben bilden unter dieſen Umſtänden die gemeinſchaftlich ausgeführten Streiche aller Art, vom verabredeten gemeinſamen paſſiven Widerſtand an, bis zum aktivſten Vorgehen gegen ſchwache oder unbeliebte Perſönlichkeiten.

Auf hoͤheren Unterrichtsanſtalten in Deutſchland begegnen wir dagegen mitunter einer Ausartung des genoſſenſchaftlichen Geiſtes in dem von den Univerſitäten eingeſchleppten Verbindungsweſen. Auch hier wirkt der auf's Stärkſte genährte Corpsgeiſt nachtheilig auf die Freiheit des Einzelnen und fördert nicht die in engere Kreiſe ſich zurückziehende Freundſchaft. Bei der Unſelbſtſtändigkeit jüngerer Schüler erſcheint dieſes Treiben, da wo es ſich offenbart, gradezu meiſt als Unfug.

Eine Erſcheinung anderer Art entwickelt ſich aus dem längeren Verkehr älterer Schüler mit jüngeren, indem erſtere ſtets geneigt ſind, mehr oder weniger Gewalt über die letzteren ſich anzumaßen. Eine merkwürdige Ausartung dieſes Verhältniſſes hatte ſich im Zeitalter der Reformation unter dem Namen des Pennalismus auf den höheren Schulen von Mittel⸗ und Norddeutſchland ausgebildet. Der jüngere Schüler wurde von dem älteren Studenten in einer ſchmachvollen Dienſtbarkeit gehalten und auf alle Weiſe ausgebeutet und mißhandelt. Es bedüifts langer Zeit und ſchärfſter Maßregeln, um dieſem Unweſen abzuſtellen.

Keineswegs als eine Fortſetzung jener rohen Sitte iſt es jedoch anzuſehen, wenn noch heute auf dem Gymnaſium zu Schulpforta die Schüler der unteren Klaſſen verpflichtet ſind, den Schülern der Erſten Klaſſe verſchiedene Dienſte zu leiſten und in mehrfacher Weiſe ſich unterzuordnen.

Eine ähnliche Einrichtung das fagging system findet ſich in einigen der angeſehenſten eng⸗ liſchen Schulen, wo ebenfalls der Kleine, der ſogenannte fag, dem Schüler der Erſten Klaſſe ſich unter⸗ zuordnen und dienſtbar zu erweiſen hat, dafür aber auch von dieſem Schutz und Fürſorge erhält.

Dieſes geregelte und in dem Erziehungsplan der genannten Schulen wohl erwogene Herrſchen und Dienen unter Mitſchülern führt nur ausnahmsweiſe zu Mißbräuchen und wird nicht ſelten zur Grundlage dauernder Schulfreundſchaft zwiſchen den Betheiligten. Daher findet denn auch die Fortdauer dieſes Syſtemes eifrige Befürwortung. Als beſonderer Vorzug der Unterordnung des Schülers unter ältere Mitſchüler wird die Dämpfung des Stolzes und die Mäßigung der Standesvorurtheile verwöhnter Knaben betrachtet.

So wird von Schulpforta gerühmt:Der Sohn eines reichen und angeſehenen Adeligen mußte dem Sohne eines armen Bürgers gehorchen, wenn dieſer in den oberen Klaſſen ſaß und von der engliſchen Schule zu Eton heißt es:Hier giebt es keine Rückſicht auf die Perſon. Der Sohn des ſtolzeſten Peer ſteht in der Schule dem niedrigſt geborenen völlig gleich. Dies iſt nun freilich glücklicher⸗ weiſe auch in unſeren gewöhnlichen Schulen der Fall, wie wir ja ſchon früher den freien Verkehr gleich Berechtigter als den rechten Quell freudigen Jugendlebens erkannt haben, aus dem die Schulfreundſchaft ihre beſte Nahrung erhält.