Aufsatz 
Die Schulfreundschaft
Entstehung
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noch in den Prüfungsordnungen angeführt finden, die kein Geſetz gebietet, keine Vorſchrift empfiehlt, die weder durch Ermahnung, noch durch Strafe gefördert wird.

Und dennoch kann ſie nur auf dem Boden des Schullebens erwachſen, denn dieſer von dem Schüler errungene Schatz iſt nichts Geringeres alsdie Schulfreundſchaft, jenes zarte Band, das leicht und unbewußt zwiſchen den jungen und lebensfriſchen Herzen ſich knüpft, das mit den Jahren ſich verſtärkt und nicht ſelten mit einer wunderbar bewährten Feſtigkeit und Zähigkeit nachhält bis der Tod gewaltſam es zerreißt.

Sagt doch ſchon das alte deutſche Volkslied:

Der Menſch hat nichts ſo eigen, So wohl ſteht nichts ihm an,

Als daß er Treu erzeugen Und Freundſchaft halten kann.

Ja dieſesFreundſchafthalten gehört ſo zu dem Adel des Menſchen, daß der, welcher ge⸗ kommen iſt, denſelben herzuſtellen, die Liebe zur Mutter, die Liebe zur Menſchheit mit der Freundesliebe zu einem wunderbaren Dreiklang verbunden hat.

Wie innig das junge Herz an der eigenen Familie des Elternhauſes hängen mag, es regt ſich in demſelben frühe ſchon ein tiefer Zug und berechtigter Drang Liebe und Hingebung in weiterem Kreiſe und nach eigner Wahl zu ſuchen und zu erwiedern.

Beobachten wir nur ein Kind, das durch beſondere Lebensverhältniſſe oder durch verkehrte Er⸗ ziehungsmaßregeln abgehalten wird vom Verkehr mit Altersgenoſſen. Bieten wir ihm alle Vortheile eines vom Glück begünſtigten Familienlebens, gewähren wir ihm alle Mittel zu Spiel und Unterhaltung ſehnſüchtig wird es vom Fenſter hinausblicken auf den Tummelplatz, wo in ungebundener Luſt und Wahl eine frohe Kinderſchaar ſich umhertreibt. Das ſchönſte Bilderbuch, die gelungenſten Nachbildungen von Menſch und Thier erſetzen ihm nicht den Umgang mit dem lebendigen, gleichfühlenden Weſen.

Wie vereinſamt erſcheinen uns Jene, die durch die höchſte Lebensſtellung in den goldenen Jahren der Jugend faſt unvermittelt geſchieden bleiben von gleich berechtigten Altersgenoſſen. Eingebannt in den Kreis, wo Alles der Berechnung und der überlegten Wahl unterworfen iſt, kann da kaum die Rede ſein von dem Entſtehen der Jugendfreundſchaft, die naturgemäß auf das unbefangene, ja unbewußte Suchen und Finden ſich gründet.

Die Vereinigung Gleichberechtigter, dies iſt der rechte Boden, in welchem die Jugendfreundſchaft gedeiht und darum iſt die öffentliche Schule der Ort, wo ſie gedeiht und der ſie den Namen der Schul⸗ freundſchaft verdankt. Wir ſagendie öffentliche Schule denn in ihr finden ſich mehr wie in allen andern Unterrichtsanſtalten Schüler von gleichen Lebensverhältniſſen zuſammen und falls letztere Ungleichheiten bieten, ſo es iſt wieder die öffentliche Schule, welche für Alle ein Maß und Geſetz hat, wo kein Vorrang zur Geltung kommt, als der des perſönlichen Werthes.

Wir verſtehen unter öffentlichen Schulen ferner Lehranſtalten, deren Schüler in überwiegender Mehrheit im Familienverband leben und nur die Unterrichtszeit in der Schule zubringen, wie dies in Deutſchland die Regel iſt. Bei den von der Familie geſchiedenen Schülern, die in Penſionaten und Alumnaten erzogen werden, iſt zwar auch Gelegenheit geboten zur Befreundung, allein wir werden zeigen, daß durch die Verhältniſſe veranlaßt, in ſolchen Anſtalten mehrfach andere Beziehungen ſich bilden, die nicht grade den Namen wahrer Schulfreundſchaft verdienen.

Die innige und nachhaltige Vereinigung, welche wir Schulfreundſchaft nennen, entſteht jedoch keineswegs ſofort und ohne Weiteres bei der in der Schule ſich zuſammenfindenden Jugend. Zunächſt regt ſich nur ein gewiſſes Gemeingefühl der Schüler ein und derſelben Abtheilung oder Klaſſe; ſie bilden An⸗ deren gegenüber eine Genoſſenſchaft und Kameradſchaft. Es bedarf immer einiger Zeit, bis innerhalb ſolcher die Einzelnen ſich finden und erkennen zu engerem Verbande und es bedarf dann wiederum einer gewiſſen Zeit, um dieſem die rechte Feſtigkeit zu verleihen. Schon die Schule verlangt eine Prüfung des