Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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mehrfacher Weiſe deſſen Stellung und Einkommen verbeſſern ſollten, und Kohlrauſch's ganze Sorge war ſofort darauf gerichtet, dieſe Vortheile vor dem zu erwartenden Uebergange an Preußen zu ſichern.

Mit Rührung erfahren wir, wie er zu dieſem Zwecke allein im Monat September 1866 noch fünfzig Briefe, davon ſieben am 30. geſchrieben hat, und mit Befriedigung vernimmt man, daß der Geheimerath Wieſe, als höchſter preußiſcher Unterrichtsbeamter, bei ſeinem erſten Beſuche in Hannover ihm die Verſicherung ausſprach: daß bei ſeinen Lebzeiten im hannoverſchen Schulweſen Nichts geändert werden ſolle und daß man wünſche, er möge ſo lange als möglich im Dienſte bleiben.

Wohl gut gemeint und geſagt, doch von geringer wirklicher Bedeutung, denn die lange bewährte Kraft war gebrochen. Ereigniſſe, die mit ihren Aufregungen und Anſtrengungen auch ein jüngeres Leben erſchüttern mußten, verfehlten nicht, ihre Wirkung auf ein ſo hoch betagtes zu äußern. Im October 1866 erkrankend, ſchloß Kohlrauſch am 30. Januar 1867 die Augen ſanft und ruhig, und ein ſchönes Leben war vollendet!

Indem wir an deſſen Abſchluß ſtehen, fühlen wir erſt recht die Schwierigkeit hervortreten, die Arbeit, den Erfolg, das Verdienſt eines Schulmannes zur Anſchauung und Geltung zu bringen. Hätten wir einen Hel⸗ den, Seefahrer, Forſcher oder Künſtler zu ſchildern, ſo wären es die Züge und Siege, die Fahrten, Entdeckungen oder Werke mit ihren ſpannenden Einzelheiten und ihren weitreichenden, greifbaren Erfolgen, welche uns die Auf⸗ gabe erleichtern. Und am wenigſten bieten ſich ſolche äußerlichen Momente bei einer innerlichen Natur wie Kohl⸗ rauſch, der mit ſeinem Weſen und Wirken nicht geräuſchvoll hinaustrat auf den Markt des Lebens. Wir hören ihn nicht in großen, öffentlichen Verſammlungen Theoreme der Schule in glänzender Rede beſprechen, wir ſehen ihn nicht verſtrickt in die Verwicklungen eines bahnbrechenden Kampfes neuer Ideen oder eines Verfechtens ein⸗ ſeitiger oder gar extremer pädagogiſcher Methoden und Anſichten. Die Impulſe des Fortſchritts in idealer Bil⸗ dung im beſten Sinne waren durch die große Epoche unſerer deutſchen Literatur ſeit Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts gegeben und es galt mehr die Wege zu vermitteln, als die Ziele zu ſtecken. Hierin liegt es begründet, daß Kohlrauſch nicht eine populäre Erſcheinung im gewöhnlichen Sinne und in den weiteſten Kreiſen zu nennen iſt, kein Mann des Volkes, wie heutzutage der vielfach erſtrebte Titel lautet. Allein wenn auch ſein Streben zunächſt nur dem höheren Unterrichtsweſen galt, ſo wirkte er doch nicht minder für das Gemeinweſen, denn wo immer es gelingt, einen Strom geiſtiger Bildung in lebendigen Fluß zu bringen, da findet derſelbe in tauſend Rinnſalen den Weg zur Befruchtung aller guten Keime eines Volkes!

Darum ſei es uns vergönnt, das Bild, das wir zu geben verſucht, zu vollenden mit den Worten eines Mannes, der als Freund und College dem verewigten Schulmanne nahe geſtanden hat:

Durch Anlage, Bildung und Erfahrung war ihm ein feiner Sinn gegeben, das Individuelle der Na⸗ turen zu erkennen, und er liebte darin eben gab ſich ſeine pädagogiſche Natur kund das Individuelle, wenn er es gut in ſeinem Grunde fand, zu pflegen und die Entwicklung desſelben in eigener Richtung zu fördern und zu leiten. Daher ſchont er die Eigenthümlichkeit, wenn ſie nicht verkehrte Wege ging und legte ihr möglichſt wenig Zwang an, ohne ſie doch regel⸗ und zügellos gewähren zu laſſen. Daß die richtige Grenze nicht über⸗ ſchritten werde, darüber wachte ſeine Einſicht, die das Individuelle dem höheren Geſetze unterordnete.

Jene Pflege der guten Eigenart, welche die Entwicklung einer geſunden Mannigfaltigkeit begünſtigt, beſchränkte ſich nicht blos auf die einzelnen Perſönlichkeiten, ſondern erſtreckte ſich auch auf die Anſtalten; eine Folge davon aber war, daß Kohlrauſch den Schwerpunkt ſeiner Wirkſamkeit nicht in den Schooß der Behörde, ſondern in ſeine Perſon legte.

Es verdient endlich noch ein wichtiger Theil der Wirkſamkeit Erwähnung, welche er durch eine lange Reihe von Jahren in großer Ausdehnung geübt hat: ſeine Privatcorreſpondenz mit den Lehrern und beſonders mit den Directoren. Dieſelbe behandelt großentheils nicht nur methodiſche, pädagogiſche und auch wiſſenſchaftliche Gegenſtände mit eingehendem Verſtändniß, ſondern auch ſolche Perſonenfragen, die ſich der amtlichen Behandlung entziehen. Dieſe von Menſchenkenntniß und feiner Beobachtung wie von Wohlwollen und Milde zeugenden Briefe werden den Empfängern bleibende theure Erinnerungszeichen des Geiſtes ſein, der ihn beſeelte.

Vergegenwärtigen wir uns die äußere Erſcheinung des verehrten Mannes, ſo begegnet uns eine mehr zarte als kräftige und hohe Geſtalt, aber eine Geſtalt, die doch ſtattlich erſchien. Die wohlgeſtalte hohe Stirn, faltenlos und ruhig, das freundliche, klare blaue Auge, der beobachtende, aber doch vertrauende und Vertrauen