Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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erweckende Blick, der ſinnige, ſprechende Mund, um den oft heitere Schalkheit ſpielte, die ſanfte, weiche, wohl⸗ tönende Stimme, das milde, freundliche, lebendige Wort, die auf das Aeußere verwendete, vom Scheitel bis zur Zehe ſichtbare, doch nie Kleinlichkeit verrathende Sorgfalt und Feinheit, dazu eine nicht ſowohl vornehme als würdige Haltung: die Geſammtwirkung alles deſſen war die einer edlen Erſcheinung.

Kohlrauſch baute ſein Werk vornehmlich auf den beſten Grund des deutſchen Volksweſens wie er ſelbſt in ſeinen Reden über Deutſchlands Zukunft ausſprichtauf die innere Sittlichkeit, die Tiefe des Ge⸗ müths, die Treue des Herzens und vor Allem aber auf die religiöſe Geſinnung.

Schmerzlich iſt es ihm daher, im hohen Alter dieſe Grundſäulen wanken zu ſehen, und wir legen dies dar mit den eigenen Worten des dreiundachtzigjährigen Greiſes, mit welchen er im Jahre 1863 ſeineErinner⸗ ungen abſchließt:

Man ſagt wohl, es ſei eine Eigenthümlichkeit, ja Schwäche des Alters, die Gegenwart im Vergleich mit den vergangenen Zeiten zu tadeln, allein wenn die Berechtigung des Tadels ſo am Tage liegt, wie jetzt, ſo bedarf es nicht der Stimmung des Alters, um ſich darüber zu betrüben. Ich will die Verkehrtheiten, die in den verſchiedenartigſten Verhältniſſen die Herrſchaft der Vernunft hindern, nicht einzeln aufzählen, ſondern gleich die Hauptkrankheit der Zeit hervorheben, nämlich die Unzufriedenheit, die ſich im Großen wie im Kleinen überall kundgiebt. Sie ſtört alle Verhältniſſe, zerreißt die Bande der Pietät, ſtellt Mißtrauen an die Stelle des Ver⸗ trauens, trübt die geſunde Anſicht des Lebens und lähmt die Thatkraft zum Schaffen des Rechten und Guten. Und wenn wir auf die Quelle dieſer allgemeinen Verſtimmung zurückgehen, ſo iſt es die Selbſtſucht, der Trotz auf die eigene Einſicht, der Mangel an religiöſer Demuth und Ergebung. Freiheit oder vielmehr Ungebundenheit iſt das Loſungswort der Zeit geworden, auf dem Gebiete des Staates ſowohl als der Kirche und das Streben darnach kleidet ſich in das beſſere Wort:Fortſchritt. Die Parteien trennen ſich in den ſchärfſten Gegenſätzen, in dem leidenſchaftlichen Eifer geht die Liebe zur Wahrheit verloren und die Lüge tritt oft genug an ihre Stelle; die Gemäßigten aber, welche die Mitte halten, indem ſie wohl den Fortſchritt, aber keinen Umſturz, ſondern den Weg der Natur wollen, welche das Neue aus den Keimen entwickelt, die in dem Vorhandenen liegen, ſie werden von beiden Parteien verworfen, ſie heißen die Matten, die Unentſchiedenen, Charakterloſen.

Indem die Zerriſſenheit, die in den Parteibeſtrebungen faſt überall herrſcht, im Großen auch ganze Völker ergreift, ſehen wir die Grundfeſten der Staaten erſchüttert, die Bande zerriſſen, die durch Verträge als ge⸗ heiligt erſchienen, und wenn die Gewaltthat glückt, ſelbſt von vielen Lenkern der Staaten den Grundſatz verthei⸗ digt, daß eine gelungene Empörung, ein glücklicher Verrath anerkannt werden müſſe!

Wir verſagen es uns, die wahrhaft prophetiſchen Worte des greiſen Sehers in weiterer Ausführung mit⸗ zutheilen, bei dem doch zuletzt die alte Zuverſicht ſich wieder Bahn bricht durch dieſe trüben Betrachtungen.

Und ſo will ich ſchließt derſelbedem Charakter meines ganzen Lebens getreu, den Glauben an den Sieg des Guten auch für das geliebte deutſche Vaterland feſthalten bis an mein Ende!

Anmerkung zu S. 18. Als Beleg hierfür mögen die nachfolgenden Stellen aus der Illinois Staats⸗Zeitung in Chi⸗ cago vom 1868 dienen:

In keinem Lande Europa's herrſcht größere Unehrlichkeit unter den Regierungsbeamten als in Rußland. Neulich wurde eine förmliche Bande von neunzig Perſonen unter denſelben entdeckt, welche neun Jahre ein ſehr einträgliches Geſchäft im Stehlen von Salz und Eiſen trieben, welches der Regierung angehörte. Es wäre intereſſant, ſagt dazu der B. D., zu wiſſen, wie groß die Bande der Whiskydiebe in den Vereinigten Staaten iſt. Wir glauben, daß wir Rußland in dieſem Zweig der Induſtrie unſerer öffentlichen Beamten bei Weitem übertreffen.

Am 28. Februar ward in New⸗York ein nicht politiſcher preußiſcher Flüchtling, Namens Guſtav Pappelbaum verhaftet, der dort unter dem Namen E. Weimer angelangt war. Er iſt angeklagt,§ 7000 preußiſche Regierungsgelder unterſchlagen zu haben. Der preußiſche Conſul war ſchon zuvor per Kabel unterrichtet, daß ſich der Flüchtling auf demAuſtralaſian befand, und hatte daher alle Vorkehrungen getroffen, um den Flüchtling gebührend zu empfangen. Wenn jeder amerikaniſche Beamte, ſo bemerkt dazu die N.⸗Y. Staatsztg., welcher§8 7000 unterſchlägt durchgehen wollte, ſo würden alle Dampfer⸗Linien glänzende Geſchäfte machen.