Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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25 in denErinnerungen. Zur Zeit der Berufung nach Hannover war ihm die Ausſicht als wahrſcheinlich eröff⸗ net, demnächſt als Referent in das Miniſterium in Berlin einzutreten.

Allein, ſchreibt er,gerade eine ſolche Stellung, mit welcher lange Sitzungen, jedenfalls mehr Schrei⸗ berei als perſönliche Einwirkung auf die lebendig wirkenden Kräfte in den Schulen, verbunden war, zog mich nicht an. Ich gedachte des Lützow'ſchen Wortes, daß er ſich nicht wohler als Militär gefühlt habe, als da er auf die Menſchen in ſeiner Schwadron wirken konnte. Ich war mir bewußt, daß mein perſönlicher Verkehr mit Directoren und Lehrern auf meinen den vierten oder fünften Theil des Jahres einnehmenden Inſpectionsreiſen den eigentlichen Kern meiner Wirkſamkeit gebildet hatte.

Darum hatte ſich Kohlrauſch für die bevorſtehende Amtsthätigkeit in Hannover das Recht und die Pflicht ausbedungen, durch fortgeſetzte Inſpectionsreiſen ſich die gleiche Wirkſamkeit zu wahren.

Es würde weit über die hier geſteckte Grenze hinausführen, nur einiger der ebenſo intereſſanten als lehrreichen Einzelheiten gedenken zu wollen, die aus dem neuen Gebiete ſeiner ſchaffenden Thätigkeit vorliegen. Hier genügt es zu ſagen, daß dieſelbe in erſter Linie der Heranbildung eines tüchtigen Lehrſtandes, ſodann der Verbeſſerung von deſſen äußerer Lage galt. Die Errichtung eines philologiſchen Seminars, die Aufſtellung von Prüfungscommiſſionen und Schulordnungen, ſodann die ſpäter hinzutretende Organiſation der Realſchulen und der Polytechniſchen Schule zu Hannover bilden den aufzählbaren Inhalt dieſes Wirkens.

Wenn auch allgemeine Anerkennung und Hochachtung und was am meiſten anzuſchlagen iſt all⸗ gemeine Liebe und Vertrauen von Seiten des Lehrſtandes dem leitenden Schulmanne als ſchönſter Lohn zu Theil geworden ſind, ſo hatte er ſich doch auch äußerer Ehren zu erfreuen. Der König von Hannover, der ihm per⸗ ſönlich gewogen war, ernannte ihn zum Generalſchuldirector und zum Commandeur des Guelphenordens, die Uni⸗ verſität Göttingen verlieh ihm das Ehrendiplom der Doctorwürde; die weſtphäliſchen Schulmänner hatten ihm beim Scheiden huldigende Ehrengeſchenke überreicht und ein Gleiches thaten die hannoverſchen bei Gelegenheit ſeines Jubiläums. Entſprechend ſeinem ſchlichten Weſen, hatte er bei letzter Veranlaſſung alle ihm zugedachten größeren Feierlichkeiten abgelehnt, aber mit beſonderer Freude die Adreſſe der damals gerade in Hannover tagen⸗ den deutſchen Schulmänner und Philologen angenommen.

Und ſo ſehen wir mit Bewunderung, wie Kohlrauſch, ein ſeltenes Beiſpiel körperlicher Rüſtigkeit und geiſtiger Friſche, noch bis in das höchſte Greiſenalter die oberſte Leitung des Schulweſens handhaben konnte, wobei allerdings in Freundſchaft ihm verbundene Collegen die Laſt der laufenden Geſchäfte erleichterten. Im Jahre 1863, im Alter von dreiundachtzig Jahren, ſchreibt er ſeine dankenswerthenErinnerungen; im Jahre 1865 erlebt er die Freude, eine fünfzehnte Auflage ſeinerDeutſchen Geſchichte herausgeben zu können.

Einem Manne von ſo gehobener äußerer Lebensſtellung, wie Kohlrauſch in Hannover ſie einnahm, im Vereine mit dem ihm eigenen Sinne für feinen und gebildeten geſelligen Verkehr, bildete ſich ein ſolcher leicht in einer Stadt, die ſo viele dem entſprechende Elemente bot. Aber auch hier zog es ihn hinaus in das freie Naturleben, und ein einfacher ländlicher Ort, die ſogenannteSteuerndiebe, eine Stunde von Hannover, war bald das gemeinſame Ziel eines anſprechenden geſelligen Kreiſes geworden, als deſſen Mittelpunkt der Herr Schulrath angeſehen und ſcherzweiſe derSteuerndiebsvater genannt wurde. Söhne und Töchter waren inzwiſchen herangewachſen, hatten ſich zum Theil verheirathet und ehrenvolle Lebensſtellungen gewonnen, und im Jahre 1857 wurde im glücklichen Familienkreiſe die goldene Hochzeit gefeiert.

Aber den Unſichtharen gefällt es,daß ſie zum Glück den Schmerz verleih'n!

So mußte der greiſe Schulmann allmälig die Freunde, Genoſſen und Mitarbeiter ſeiner jüngeren Jahre aus dem Leben ſcheiden ſehen; ſo wurden die treue Gattin, zwei Schwiegerſöhne und zwei vortreffliche Söhne vor ihm abgerufen durch den Tod!

Bewundert habe ich die Faſſung, mit welcher er die ſchwerſten Schickſalsſchläge ertrug; die Ruhe, die Milde des Mannes waren unerſchütterlich; in Niemand habe ich wie in ihm das Bild des wahren Weiſen ver⸗ körpert geſehen, ſchreibt hierüber ein naheſtehender Freund deſſelben.

Folgenſchwer überraſchten die Ereigniſſe des Jahres 1866 das Land Hannover und den ſechsundachtzig⸗ jährigen Vater ſeines Lehrſtandes. Für letzteren waren gerade zu dieſer Zeit Verhandlungen im Zuge, die in

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