Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
Einzelbild herunterladen

24 in blauem Kittel ſeine Provinz durchwandernd, eine ſo populäre Erſcheinung geworden iſt. Mit ihm ſtand Kohl⸗ rauſch in den beſten dienſtlichen und perſönlichen Beziehungen.

Der Aufenthalt in der Provinzialhauptſtadt Münſter gab nicht nur in dienſtlicher, ſondern auch in ge⸗ ſelliger Beziehung vielfach Gelegenheit zum Verkehr mit bedeutenden Perſönlichkeiten. Als ſolche machen ſich zu⸗ nächſt bemerklich einige ausgezeichnete hohe Officiere aus dem eben beendeten Kriege, wie die Generale Thielemann und Horn, Oberſt von Wolzogen und beſonders der Träger des populärſten Namens, General von Lützow, der kühne Führer des Freicorps mit ſeiner feingebildeten Frau, eine Gräfin Eliſe von Ahlefeldt. Angeregt und vor⸗ nehmlich belebt durch Immermann, der damals als Auditor nach Münſter gekommmen war, hatte ſich ein äſtheti⸗ ſcher Leſezirkel gebildet, in welchem jene vielbeſprochene Annäherung zwiſchen dem Dichter und der Gräfin ent⸗ ſtand. Kohlrauſch, der den genannten Perſonen nahe ſtand, ſpricht ſich über ſie und die ſpäter eingetretenen Verwicklungen und Löſungen in einem für den Charakter derſelben günſtigen Sinne aus. Von Lützow ſelbſt wird ſehr bezeichnend bemerkt, wie er wiederholt die Zeit ſeines Wirkens als die glücklichſte ſchätzte, wo er, thatenfriſch an der Spitze einer kleinen erleſenen Schaar ſtehend, den Einzelnen kennen und ſchätzen lernen und ſich um ſein Wohl und Wehe bekümmern konnte. Schon beim Regimentscommando mußte ſich dieſes perſönliche Verkehren an der Maſſe verlieren und gar als Brigadecommandeur ging der Dienſt auf im Papierweg der Rapporte und Beſcheide.

Aber auch auf das Familienleben des Schulmannes müſſen wir jetzt einmal den Blick werfen. Eine Kiaderſchaar von vier Knaben und ebenſoviel Mädchen belebte ſein Haus und führte neben den Freuden eines ſolchen Segens auch zwiſchendurch manche Sorge im Gefolge. Die beiden älteſten Söhne, 1825 im Alter von ſechzehn und vierzehn Jahren, beſuchten bereits die Secunda des Gymnaſiums. Da war denn ſchon im eigenen Hauſe ein Verſuchsfeld für pädagogiſche Praxis geboten und mit angeborner Liebe für das Ländliche wurden die Bewegung und der Aufenthalt in der freien Natur als ein vortrefflich erziehendes Element bevorzugt. Ruhe⸗ punkt und einfache Erfriſchung bot dann ſolchen Familienzügendas Laushäuschen, ein kleiner Pachthof, vom Volksmunde alſo benannt, wie denn auch die Pächter ſchlechtwegVader Laus undModer Laus genannt wurden.

Der Hausvater, ſagen dieErinnerungen,war ein Muſter weſtphäliſchen Fleißes und natürlicher Kräftigkeit. Gegen ſiebzig Jahre alt, verrichtete er noch den ganzen Tag hindurch die ſchwerſten Arbeiten, ver⸗ langte dabei aber auch die ſchwere weſtphäliſche Koſt, welche bei der Arbeit vorhält. Als ich ihn einſt bei einer Schüſſel gekochter Pferdebohnen traf, die bei uns getrocknet von Menſchen nicht gegeſſen werden, ein tüchtiges Stück Speck auf dem Teller, eine fingerdicke Scheibe Pumpernickel dazu und noch einen Teller Suppe daneben⸗ ſtehend, die er ſich zum Nachtiſch aufſparte, ſagte ich zu ihm:Aber, Vader Laus, Ihr macht es ja wie die Schwe⸗ den und eßt die Suppe zuletzt.Ja, Herre, erwiderte er,dat dau eck ut gauden Grunne, wenn eck de Suppen tauletzt ete, dann lopet de Löcker ſo nett vull. Der weſtphäliſche Magen muß ordentlich ausgeſtopft ſein, ſonſt gilt die Mahlzeit nicht. Dafür ſind die Geſtalten aber auch kräftiger, als bei unſeren Göttingen'ſchen Bauern, welche, die wohlhabendſten ausgenommen, von Kaffee und Kartoffeln leben und in ihrem fünfzigſten Jahre älter ausſehen, als mein Vader Laus im ſiebzigſten.

Die Erfolge, welche Kohlrauſch in einem zwölfjährigen Wirken im Münſterlande errungen hatte, fanden eine weit über deſſen Grenzen hinausgehende Würdigung, und es konnte ihm für das bewieſene Organiſations⸗ talent gewiß keine ſchönere Anerkennung zu Theil werden, als nach der eigenen Heimath, nach Hannover berufen zu werden, um dort von neuem das Werk zu beginnen, von dem er hier als einem glücklich vollbrachten ſcheiden durfte.

Im Jahre 1830 wurde Kohlrauſch, damals neunundvierzig Jahre alt, als Oberſchulrath an die Spitze der neugebildeten Behörde für die höheren Schulen Hannovers geſtellt. Es waren deren im Ganzen neun⸗ undzwanzig vorhanden, von welchen jedoch nur einzelne einen rühmlichen Standpunkt einnahmen.

Gereift an Jahren, bereichert durch Erfahrungen und auch in dieſer Stellung redlich unterſtützt von ehrenwerthen Collegen, ſowie von dem Unterrichtsminiſter von Strahlenheim, konnte Kohlrauſch mit raſchem Blicke und ſicherem Griffe die Zuſtände und Verhältniſſe erkennen und verbeſſern. Auch hier wirkte er vornehmlich durch ſeine perſönliche Erſcheinung, die überall mit Sachen und Perſonen unmittelbar Verkehr und Verſtändigung ſuchte und gewann..

Wie ſehr gerade dieſe Art der Wirkſamkeit ſeinem Weſen entſprach, findet ſich wiederholt ausgeſprochen