Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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merſchen Bataillon in Jemappe erbeutet und ſeiner in Düſſeldorf wohnenden Frau geſchickt hatte, welche mit dem Inhalte deſſelben, das ſilberne Tafelſervice, Taſſen, Bücher, Schreibzeug, Feldbett, u. a. m., eine Ausſtellung zum Beſten der Armen veranſtaltete.

Solche Zeichen der Zeit brachten in Kohlrauſch eine mächtige Erregung hervor und er lieh ſeinem Gefühle Ausdruck in ſeinenSechs Reden über Deutſchlands Zukunft, die er vor einem begeiſterten Kreiſe von Zuhörern hielt und ſpäter veröffentlichte. Sie ſind erfüllt von glühender Vaterlandsliebe und idealer Begeiſterung für Deutſchlands künftige Geſtaltung und haben weithin wirkenden Anklang gefunden.

Denn, ſagt er ſelbſt,es war damals nicht ich, der redete ſondern die Begeiſterung der Zeit redete aus mir!

Briefe und Aeußerungen von Gneiſenau, Görres, Gentz und Varnhagen von Enſe ſprechen für die Be⸗ achtung, welche dieſen Reden zu Theil geworden iſt, die jedenfalls die Aufmerkſamkeit auf den Verfaſſer gelenkt und ihn frühzeitig in höhere Wirkungskreiſe gehoben haben.

In Düſſeldorf entſtand ferner das bedeutendſte Werk Kohlrauſch's, die bereits erwähnteDeutſche Ge⸗ ſchichte, ein Buch, deſſen Werth und Gehalt ſich noch im Jahre 1865 durch eine fünfzehnte Auflage bewährt hat. Allein die freudige Aufnahme, die es in einer Zeit gefunden hatte, aus deren Seele es ſo recht geſchrieben war, ſollte nicht lange nachher einer ganz andern Beurtheilung begegnen. Der friſche Freiheitshauch, der aus jedem Blatte der Geſchichte wehte, war nicht nach dem Geſchmack engherziger Staatsmänner, wie Kanitz, Schmaltz u. A., die nachmals in Preußen regierten. Im Jahre 1824 wurde der Gebrauch derDeutſchen Geſchichte im Schulunterrichte durch ein Miniſterialreſcript verboten. Glücklicherweiſe hatte Kohlrauſch eine beſonders an⸗ ſtößige Stelle über das Wartburgfeſt von 1818 bei einer gerade neu erſcheinenden Auflage aus eigener Bewegung bereits beſeitigt gehabt und ſo erwies ſich dieſe harte Maßregel mehr als eine vorübergehende Kränkung, denn als eine nachhaltig übelwirkende. Ja, es nahmen die ſpäteren Berührungen Kohlrauſch's mit den leitenden Perſönlichkeiten in Berlin, wie Schukmann und Altenſtein, den freundlichſten Charakter an.

Immerhin hatte aber die literariſche Productivität, ſowie die gewinnende Perſönlichkeit des Verfaſſers ihm Anerkennung und Vertrauen in ſolchem Grade erworben, daß er bereits im Jahre 1818, im Alter von acht⸗ unddreißig Jahren, als Conſiſtorialrath nach Münſter berufen und an die Spitze des weſtphäliſchen Schulweſens geſtellt wurde.

1 Das hier ihm aufgetragene Werk war ein ſchwieriges; es galt eine nicht geringe Anzahl von Gymna⸗ ſien, Progymnaſien und ähnlichen Anſtalten beider Confeſſionen, mit großen Verſchiedenheiten in Einrichtung, Ziel und Leiſtung zu reorganiſiren, Lehrkräfte und Geldmittel herbeizuſchaffen, das ganze Schulweſen zu heben und mit dem rechten Geiſte zu beleben.

Mit ſicherem Gefühl ſchlug Kohlrauſch ſofort den rechten Weg ein: Sachen und Perſonen mit eige⸗ nen Augen an Ort und Stelle kennen zu lernen und ihnen ſelbſt ſich vertraut zu machen, dies war die nächſte Aufgabe und unverzüglich wurde ſie in Angriff genommen. Der Bericht, welchen dieErinnerungen über die angetretene Inſpection der Gymnaſien zu Münſter, Dortmund, Minden, Bielefeld, Hamm, Herford, Arnsberg und Paderborn mittheilen, iſt zwar von höchſtem Intereſſe für den Schulmann, aber ebenſo anziehend in cultur⸗ geſchichtlicher wie in rein menſchlicher Beziehung.

Ein überraſchend günſtiger Erfolg gab ſich alsbald zu erkennen und in Kurzem hatte der junge Conſi⸗ ſtorialrath in ſeltenem Grade die Achtung und das Vertrauen des Lehrſtandes gewonnen. Seine ſtets auf das Beſte gerichtete Abſicht wurde erkannt, ſein Wohlwollen gegen die Perſonen, ſein duldſamer, von einſeitigem Eifer entfernter Sinn, hatten dieſes Ergebniß herbeigeführt und die fortgeſetzten Rundreiſen in der Provinz, die ihn ſtets in lebendiger Beziehung zu den Lehrern, Schulen, Patronen und örtlichen Behörden brachten, ſind ihm das Mittel geweſen, dieſes günſtige Verhältniß aufrecht zu erhalten. Ganz beſonders aber dienten die von ihm in's Leben gerufenen Conferenzen der Directoren der höheren Schulen zur raſchen Förderung des gemeinſamen Ver⸗ ſtändniſſes und einheitlichen Geiſtes.

Eine glückliche Ergänzung fand dieſe organiſatoriſche Thätigkeit des Schulmannes in der Mitwirkung des damaligen Oberpräſidenten Weſtphalens, von Vincke, jenes bekannten höchſten Verwaltungsbeamten, der, zu Fuß