Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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Thea beſchloß auf den Wunſch ihrer Mutter nach Kopenhagen zurückzukehren, eine Trennung ſtand bevor mit dem Hintergrunde einer ungewiſſen Zukunft.

Für dieſe eine Bürgſchaft zu gewinnen, war zwei ſo innerlichen und feſten Naturen gemeinſames Bedürfniß.

Die Rückkehr nach Kopenhagen wurde beſchloſſen, fahren dieErinnerungen fort,aber zugleich auch daß wir uns vorher ehelich verbinden wollten. Es war dies, ich muß es offen geſtehen, ein kühner, auch wohl leichtſinnig zu nennender Entſchluß, denn wo hatte ich einen feſten Boden für die geſicherte Exiſtenz einer Familie? Aber zu ſolcher Zuverſicht kommt der Menſch leicht, wenn ihm bis dahin Alles über Erwarten und Verdienſt ge⸗ glückt iſt. Mein ganzes bisheriges Leben war ja eine Kette von, zum Theil ganz unerwarteten, glücklichen Wen⸗ dungen geweſen. Ueberhaupt galt damals noch viel mehr als jetzt der Glaube, daß ein Menſch, der etwas ge⸗ lernt und Luſt zur Arbeit habe, ſchon fortkommen werde. Mit ſolchen Bildern und Hoffnungen vor der Seele wurden wir von meinem Schwager Eberwein in der Stille in Ballenhauſen getraut, verlebten noch einige ſchnell verfliegende Monate miteinander und im Mai 1807 kehrte Dorothea, geb. Holm, als Frau Kohlrauſch nach Kopenhagen zurück.

In der That ſollte eine Wiedervereinigung bald erfolgen. Bereits im October 1808 kam Kohlrauſch mit ſeinem Zöglinge von Heidelberg nach Göttingen zurück und richtete daſelbſt ein Hausweſen ein, das in der Aufnahme junger Studirender, ſowie in der Thätigkeit, welche er als Docent der Geſchichte zu entfalten gedachte, ſeine Stütze finden ſollte.

Wer jedoch vertraut iſt mit dem Schwankenden und Schwierigen einer derartigen Grundlage für die Exiſtenz einer Familie, wird ſich nicht wundern, daß Kohlrauſch nicht zögerte, eine andere ihm ſich darbietende zu ergreifen. Biſchoff, ein früherer Studiengenoſſe, der ſich in Barmen als Arzt niedergelaſſen hatte, richtete an ihn die Aufforderung, daſelbſt eine gehobene Lehranſtalt zu übernehmen und bereits im Jahre 1810 wurde die Ueberſiedlung dorthin vollzogen.

Gewiß dürfen wir dieſen Wendepunkt als einen glücklichen bezeichnen, nicht nur für Kohlrauſch ſelbſt ſondern viel mehr noch für die nachfolgende Entwicklung des höheren Schulweſens in weitem Umfange. Die Wirkſamkeit und der Erfolg des akademiſchen Lehrers und Schriftſtellers ſind viel weniger bedingt durch die per⸗ ſönlichen Eigenſchaften deſſelben, als dieſe zur Geltung kommen in den Berufskreiſen, die nach und nach unſerem Schulfreunde ſich eröffneten.

Vier Jahre lang war ſeine Thätigkeit der Leitung jener Privatanſtalt gewidmet. Hier, wo mit be⸗ ſchränkten Mitteln und Lehrkräften Knaben und Mädchen ſelbſt in den elementaren Fächern zu unterrichten waren, bot ſich Gelegenheit, in ihm den vielſeitigen Schulmann auszubilden, indem er hier alle die unſcheinbaren Ein⸗ zelheiten und wichtigen Kleinigkeiten des Lehrberufs kennen zu lernen und praktiſch zu üben hatte. Für dieſen Bedarf ſchrieb er damals denhronologiſchen Abriß der Weltgeſchichte, deſſen Brauchbarkeit ſich durch fünfzehn Auflagen bewieſen hat.

Mittlerweile aber hatte der glückliche Ausgang der Freiheitskämpfe von 1813 und 1814 einen Um⸗ ſchwung der Verhältniſſe in Rheinland und Weſtphalen herbeigeführt, wie er für junge, tüchtige Lehrkräfte nicht günſtiger ſein konnte. Unter der franzöſiſchen Herrſchaft, die nur Soldaten und Pferde requirirte, waren die Schulen aller Grade in troſtloſen Verfall gerathen und mit dem erſten Erſcheinen des hochſinnigen deutſchen Ge⸗ neralgouverneurs Gruner wurde ſofort Hand angelegt zur geiſtigen Wiedererweckung des Volkes. Kohlrauſch wurde 1814 an das Lyceum in Düſſeldorf berufen, wo er mit Kortüm, Brüggemann und Steffens vier Jahre lang wirkte und dieſe Schule raſch zu einer blühenden Muſteranſtalt emporheben half. Mit beſonderer Vorliebe gedenken dieErinnerungen dieſer Düſſeldorfer Zeit. Ein Zug flammender Begeiſterung durchwehte damals ganz Deutſchland, das ſich ſoeben ſiegreich erhoben hatte gegen den franzöſiſchen Unterdrücker. Hatte man kaum noch im Jahre 1811 Napoleon auf dem Gipfel ſeiner Macht ſtehend in Düſſeldorf einziehen ſehen, wo ihm durch den Präfecten ein feierlicher Empfang bereitet wurde, ſo führte ſchon das Jahr 1813 in umgekehrter Richtung ſeinen Bruder Hieronymus hindurch, als Vorläufer folgender Ereigniſſe. In offenem Wagen, nur von wenigen Gensdarmen begleitet, fuhr er mürriſch und trotzig durch das von ihm beherrſchte Land, deſſen Volk ſich neugierig⸗ aber keineswegs ehrerbietig herbeidrängte. Und wiederum nach anderthalb Jahren kam, von vier großen, braunen, normanniſchen Pferden gezogen, nach Düſſeldorf Napoleon's eigener Wagen, den Major Keller mit dem pom⸗