Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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21 Heeren, Bouterweck, Sartorius und Hugo, ſondern auch die Gelegenheit, in nähere Beziehungen zu bedeutenderen Männern zu treten. Von Begegnungen aus dieſer Zeit ſind anzuführen: Heinrich Voß, Görres, Kreuzer, Clemens Brentano, Arnim, Wieland und Göthe.

Hiermit war dann allerdings ein ebenſo ſeltener als glücklicher Bildungsgang gegeben und als nächſter Erfolg mag angeſehen werden, daß Kohlrauſch in feiner erſten Stellung als Lehrer und Erzieher des ſchönſten Erfolges ſich zu erfreuen hatte, daß ihm die Familie ſeines Zöglings zeitlebens in dankbarer Freundſchaft ver⸗ bunden blieb und daß Letzterer ſelbſt jetzt der einzige Ueberlebende aus jener Zeit als Mitarbeiter der Shakeſpeare⸗Ueberſetzung von Tieck und Schlegel, als ein Mann von hoher Begabung und feiner Geiſtesbildung ſich erwieſen hat.

So war der Lehrberuf Kohlrauſch's entſchieden und die pädagogiſchen Vorleſungen Herbart's in Göt⸗ tingen konnten dieſe Richtung nur verſtärken. Als Frucht einer in den letzteren gegebenen Anregung ſchrieb er 1811 ſein erſtes Schulbuch:Geſchichten und Lehren des Alten und Neuen Teſtaments, und es zeugt von früh erworbenem Takt und Verſtändniß, daß dieſes Werkchen in dreiundzwanzig Auflagen eine tauſendfältige Verbrei⸗ tung gefunden hat.

Bevor wir jedoch unſerem Schulmanne auf ſeinem weiteren pädagogiſchen Lebenswege folgen, haben wir eine Epiſode anderer Art einzuſchalten. Neben der in Vorſtehendem geſchilderten Geſchichte der Bildung ſeines Geiſtes nahm auch eine Geſchichte ſeines Herzens ihren Verlauf. Den Beginn derſelben entnehmen wir deſſen eigenen Worten aus denErinnerungen, indem er beſchreibt, wie er als junger Candidat auf Schloß Rantzau eingetroffen, mit geſpannter Erwartung der Ankunft der Baudiſſin'ſchen Herrſchaften entgegenſah:

Endlich rollten die ſchwerbepackten Reiſewagen auf den Gutshof und vor das Herrenhaus; aus dem erſten, einer großen, mit ſechs Pferden beſpannten Reiſekutſche, ſtieg die Gräfin mit der Tochter und deren Gou⸗ vernante, dem kleinen Hermann und einer jungen Perſon aus, ſchlank gewachſen, mit dunklem Haar und braunen, ſcharfblickenden Augen, die aber mit Vorſicht aus dem Wagen gehoben und in's Haus geführt werden mußte; es hieß, ſie ſei mit einem der folgenden Wagen, auf welchem die übrigen Kinder ſaßen, umgeworfen und habe ſich am Fuße beſchädigt. Ich will es nicht verhehlen, daß ihr Anblick ſogleich einen nicht gewöhnlichen Eindruck auf mich machte, und ebenſowenig verſchweigen, daß es Niemand anders war, als meine nachherige Frau Ge⸗ mahlin, mit welcher ich im Jahre 1857 die goldene Hochzeit gefeiert habe. Sie ſpielte in der Familie die Rolle einer Art von Bonne bei den jüngſten Kindern und war der Liebling der Gräfin, die ſie aus beſonderer Zu⸗ neigung als Pflegerin ihrer Kinder in Kopenhagen zu ſich genommen hatte, wie mich einſt die Frau von Beaulieu (in Hannover) als Geſellſchafter für ihre Söhne zu ſich nahm. Sie war wie ich eine elternloſe Waiſe; ihr Vater hatte dem königlichen Schiffsbauweſen angehört, war aber früh geſtorben und hatte ihre Mutter mit vier unver⸗ ſorgten Kindern zurückgelaſſen. Ihr Name war Dorothea oder abgekürzt Thea Holm.

Nichts lag näher, als daß der lehreifrige Candidat auch an der däniſchen Geſellſchafterin die Pflichten des Lehrers übte, um ſie durch Uebung und Unterricht in der Kenntniß der deutſchen Sprache zu fördern, da es ihr verboten war, mit den Familiengliedern anders als däniſch zu ſprechen.

Auch entdeckte ich bald, fährt der Erzähler fort,daß ſie in der deutſchen Sprache nicht ſo unbe⸗ wandert ſei, als ſie ſich oft in der mündlichen Rede zeigte, ſondern daß ſie mit gutem Verſtändniß deutſche Bücher, z. B. die Göthe'ſchen, las und von manchen der letzteren entzückt war. Unſere Unterhaltung gewann alſo dadurch noch mehr Intereſſe. Wie es denn bei ſolchen Unterhaltungen nicht zu vermeiden iſt, daß ſich die Augen begegnen, ſo geſchah es auch uns, und ich machte die Entdeckung, daß ſie an meinen blauen nicht weni⸗ ger Gefallen zu finden ſchien, als ich an ihren braunen, obgleich die Zeichen nur ſelten zum Vorſchein kamen und ihr ganzes Weſen eine angeborene Sprödigkeit lange nicht ablegen wollte. Kurz als ich im Herbſte 1802 mit den älteren Söhnen nach Berlin zurückreiſte, trennten wir Beide uns, ohne ausdrückliches Wort oder Ver⸗ ſprechen, in der Ueberzeugung, daß wir vor Gott für das ganze Leben vereinigt ſeien.

Es konnte nicht ausbleiben, daß mit der Zeit das in inniger Stille gepflegte Verhältniß zur Erklärung gelangte, und es erſchien nun angemeſſen, damit die Verlobte auch das praktiſche Hausweſen erlernen könne, die⸗ eſlbe auf ein Jahr in eine Gutsverwaltung und nachher zu Kohlrauſch's verheiratheter Schweſter zu bringen. Nach vierjährigem Beſtehen des Verhältniſſes war aber für dieſen noch immer keine feſte Lebensſtellung gewonnen worden.