Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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Und in höherem Maße hat ſich ihm das im ſpäteren Alter wiederholt, wo in guten und insbeſondere in trüben Tagen ihm Antheil, Hülfe und Troſt von Menſchen geboten wurde, die hierzu keinen anderen Beweggrund haben konnten, als den ſympathiſchen Zug zu ſeiner Perſon.

Auch von Kohlrauſch's Studienjahren in Göttingen iſt nichts Hervorragendes zu berichten; er be⸗ nutzte dieſelben pflichtmäßig und beſtand nachher die theologiſche Prüfung mit gutem Erfolge. Es war dies merk⸗ würdiger Weiſe das einzige Examen, das in ſeinem ganzen Leben der Mann erledigte, der ſpäter in verſchiedener Stellung ſo viel am Prüfungswerke ſich zu betheiligen hatte.

Doch möge aus dem Univerſitätsleben nicht unerwähnt bleiben, daß Kohlrauſch ſich niemals dem Ver⸗ bindungsweſen und dem damit verbundenen ſo leicht ausartenden Treiben anſchloß, aber dennoch im Kreiſe eini⸗ ger Freunde verkehrend, eines ebenſo geſelligen als heiteren Studentenlebens ſich gern erinnerte. Und hervorzu⸗ heben iſt, daß der Göttinger Student häufig hinüberwanderte nach dem benachbarten Landolfshauſen zur Mutter und ſo an der friſchen Natur und dem einfachen Landleben ſtets den ſchlichten Sinn und die warme Empfäng⸗ lichkeit für das rein Menſchliche ſich erneuerte und bewahrte.

Die eigentliche Schule aber, welche den Geiſt Kohlrauſch'sentfalten und höheren Zielen zuwenden ſollte, war keine andere, als die Schule des Lebens.

Durch die Empfehlung des Abtes Salfeld von Loccum, der ſchon dem Knaben liebreich gewogen war, kam der junge Candidat als Hofmeiſter in das Haus des däniſchen Generals Grafen Baudiſſin in Holſtein. Dieſe Stellung gab ihm, zur Zeit wo die Familie auf dem Landgute Rantzau lebte, Gelegenheit, in den Kreiſen des Holſteiner Adels zu verkehren, der ſich durch Vaterlandsliebe, Bildung und feine Geſittung vortheilhaft vor den ariſtokratiſchen Zirkeln mancher Reſidenzen damaliger Zeit auszeichnete. Hier konnte geſellſchaftliche Bildung im beſten Sinne erworben werden. Die Kunſt, die eigene Perſon handzuhaben und faſt unbewußt mit Menſchen der verſchiedenſten Art ſofort in der rechten Weiſe zu verkehren, iſt nur Wenigen angeboren und nur zu ſelten findet gerade der angehende Schulmann Gelegenheit, nach muſtergültigen Vorbildern in ihr ſich zu üben und auszu⸗ bilden. Daß Kohlrauſch wohl beider Vortheile theilhaftig war, dafür ſpricht die von ihm in ſeinem ſpäteren Wirken bewährte glückliche Art und Weiſe im geſelligen und beruflichen Verkehr.

Aber weit bedeutender war es für ihn, daß der Graf Baudiſſin als däniſcher Geſandter den Winter in Berlin zubrachte. Hier boten die Vorleſungen an der Univerſität und die geſellſchaftliche Begegnung mit den be⸗ deutendſten Perſönlichkeiten die günſtigſten Mittel zur Ausbildung des ſtrebſamen Lehrers. Auch traf Kohl⸗ rauſch hier wieder mit früheren Studiengenoſſen in ähnlicher Stellung zuſammen, von welchen Luden, Abeken und Solger ſpäter bedeutende Namen im Lehrfache und geſchichtlicher Forſchung ſich erworben haben.

Von den akademiſchen Vorträgen waren es namentlich die des gefeierten Philoſophen Fichte, die im Jahre 1803 eine mächtige Wirkung ausübten. Gleichzeitig bot ſich Gelegenheit, Aug. Wilh. Schlegel über ſchöne Literatur und die Vorträge Gall's über Schädellehre zu hören, welch letztere ein großes, mannigfach gemiſchtes Publikum anzogen, darunter den öſterreichiſchen Geſandten, Grafen Metternich. In der That, wenn irgend Jemand, ſo mochte der nachmals ſo berühmt gewordene Diplomat lebhaft das Bedürfniß fühlen, ſicheren Anhalt zur Kennt⸗ niß menſchlicher Charaktere zu gewinnen und wiederholt erbat er ſich ein von Kohlrauſch über jene Vorträge aus⸗ gearbeitetes Heft. Letzterer bemerkt in ſeinenErinnerungen:Metternich war nämlich eben, wie es ſchien, in den dreißiger Jahren, eine angenehme, aber keineswegs bedeutende Erſcheinung, ſchlank, mit feinen, anſprechenden Geſichtszügen und gewandtem, vornehmem, aber artigem Weſen.

Von ausgezeichneten Perſönlichkeiten, welchen er damals, meiſt in dem gaſtlichen Hauſe des berühmten Hufeland, perſönlich begegnete, mögen noch Fichte, Zelter, Johannes Müller, Aug. Wilh. Schlegel, Woltmann, Schadow, F. H. Jacoby, Schiller, Delbrück, Frau von Kalb, Madame Herz, Frau von Staöl und die Schau⸗ ſpielerin Unzelmann genannt werden und dieErinnerungen ſind reich an intereſſanten Einzelheiten aus dieſem Kreiſe.

An den gewinnreichen Aufenthalt in Berlin reihte ſich nunmehr eine vierjährige Periode, in welcher Kohlrauſch ſeinen Zögling, den jungen Grafen Wolf von Baudiſſin auf die Univerſitäten Kiel, Göttingen und Heidelberg, ſowie auf mehrere Reiſen begleitete. Nicht nur wurden ihm hierdurch nochmals in reiferem Alter und bei geübter Urtheilskraft die Quellen der Wiſſenſchaft dargeboten, wie unter Anderm die Vorleſungen von