Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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19 wohlwollendſte Geſetz, noch die vortrefflichſte Organiſation vermag in kurzer Zeitfriſt ein vollendetes Schulweſen hervorzurufen, das ſich ſelbſt erſt allmälig ſeine Grundlage erbauen muß.

Wir ſind berechtigt, wenn auch nicht die Geburt, ſo doch die Wiedergeburt der Schule von dem Augen⸗ blicke an zu datiren, wo nach den Kriegen zu Ende des vorigen und zu Anfang dieſes Jahrhunderts den Völkern endlich das Schwert entſank und ein heiß erſehnter Friede ſegenverheißend verkündet wurde. Schwer hatte in dieſen Jahren der Noth und des Mangels allerwärts die Schule gelitten und vielfacher Wechſel im Länderbeſitze hatte nur dazu beigetragen, das Vorhandene zu ſtören, das neu ſich Bildende zu unterbrechen. Viele Schulan⸗ ſtalten waren gänzlich eingegangen, andere friſteten, kaum noch als Ruinen vorhanden, ein kümmerliches Daſein. Und ſelbſt mit dem Eintritte des Friedens war die Noth der Schule keine geringe. Die langen Kriege hatten Mittel und Menſchen erſchöpft und es fehlte nicht weniger an Geld als an Lehrkräften.

Unverzüglich und thatkräftig wurde jedoch die Neugeſtaltung in Angriff genommen, und wenn wir auch daran einen erheblichen Antheil dem ſchulbedürftigen Weſen unſeres Volkes zuzurechnen haben, ſo ſind doch aller⸗ wärts in Deutſchland einzelne Schulmänner hervorgetreten, die mit hingebender Begeiſterung Hand an den Neu⸗ bau legten. Dieſer ehrend und dankbar zu gedenken, iſt eine heilige Pflicht des Vaterlandes.

Der Beſten Einer, die in dieſem Sinne gewirkt, ein Neſtor deutſcher Schulmänner, Johann Friedrich Kohl⸗ rauſch, Königlicher Generalſchuldirector zu Hannover, ſchloß am 30. Januar 1867, im Alter von ſiebenund⸗ achtzig Jahren, die Augen. Einem Leben und einer Wirkſamkeit wurden hiermit ein Ziel geſetzt, die an Verdienſt und Segen nicht leicht ihres Gleichen finden. Denn ihm war in fünfundſechzigjähriger treuer Arbeit das ſeltene Glück beſchieden, auf den Fundamenten, die er gelegt, den Bau ſich erheben und vollenden den Samen, den er geſtreut, aufgehen und in verjüngten Generationen vervielfältigt zu ſehen und bis in das höchſte Greiſenalter, noch wenige Monate vor ſeinem Tode im Schulamte ſich thätig zu erweiſen.

Wie Viele, wenn ſie auch den Schulkreiſen und ſeinen Intereſſen ferner ſtehen, werden doch bei der Nen⸗ nung dieſes Namens an eins der trefflichſten, echt deutſchen Bücher erinnert, nämlich anKohlrauſch's Deutſche Geſchichte, die insbeſondere in der Darſtellung der deutſchen Freiheitskämpfe ein wahres Volksbuch im edelſten Sinne des Wortes geworden iſt und den Namen des Verfaſſers in alle geiſtig nicht unempfänglichen Kreiſe von Deutſchland getragen hat. Wie Mancher von uns, der bereits in jungen Jahren durch die auf ein großes Ganzes gerichtete Anſchauung und Begeiſterung dieſes Buches über die enge Schranke ſeines Heimathlandes hinausgehoben wurde, durfte ſich wundern, daß der Verfaſſer von 1817 noch im Jahre 1867 in geiſtesfriſcher Berufsthätigkeit lebte.

Und wie Kohlrauſch die aufſteigende Lebensbahn mit einer ſchriftſtelleriſchen That begonnen, ſo hat er die Neige derſelben mit einem Werke beſchloſſenErinnerungen aus meinem Leben das wir als ein ſchönes Vermächtniß, wenn zunächſt auch an die Berufsgenoſſen, doch in den weiteſten Kreiſen verbreitet ſehen möchten. Geſchrieben 1863, im dreiundachtzigſten Lebensjahre des Verfaſſers, ſpiegelt ſich in demſelben ein inhalt⸗ reiches halbes Jahrhundert, das Wirken und Walten einer für die geiſtige Entwicklung in weiten Kreiſen einfluß⸗ reichen Stellung und endlich das Weſen einer edlen und liebenswürdigen Perſönlichkeit. Wer dieſes Buch lieſt, erwirbt einen Freund, gewinnt ein Vorbild, die beide nicht Ideale eines Romans, ſondern dem Bereiche der tüch⸗ tigſten praktiſchen Lebensthätigkeit entnommen ſind.

Friedrich Kohlrauſch war geboren am 15. November 1780, in Landolfshauſen bei Göttingen, einem kleinen Dorfe, wo ſein Vater Pfarrer war. Er verlor denſelben bereits im dritten Jahre ſeines Lebens, blieb bis zum neunten Jahre bei der Mutter, die einen Wittwenſitz im Hauſe behalten hatte und wurde dann zu ſeiner beginnenden Ausbildung nach Hannover gebracht.

Wenn nun auch die zehn Jahre ſeines dortigen Aufenthaltes, der mit der Vorbereitung zur Univerſität abſchloß, nichts Außerordentliches darbieten, ſo tritt doch hier ſchon eine eigenthümliche Seite im Weſen von Kohlrauſch hervor. Es war dies jene glückliche, natürliche Begabung, die den damit Begnadigten angenehm und wohlgefällig macht vor Gott und den Menſchen und auf welche er wiederholt gerührt und dankbar hinweiſt. Es mußte das ſchlichte, treuherzige Weſen des ländlichen Knaben ſein, eine anſprechende Vereinigung von Gemüth und Verſtand, die ihm wie ſelbſtverſtändlich das Wohlwollen der Menſchen gewannen.

So kam es, daß der Knabe und Jüngling in Hannover nicht nur bei ſeinen Verwandten, ſondern auch bei gänzlich fremden Familien einer Aufnahme und Theilnahme begegnete, wie ſie ſonſt nur das Elternhaus bietet

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