Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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Ein vortreffliches engliſches Journal, derEconomiſt, ſpricht ſich in demſelben Sinne aus, indem er ſagt:Wenn wir nun einräumen müſſen, daß ein guter gewerblicher Unterricht die Baſis aller pecuniären und mercantilen Vortheile iſt, ſo können wir uns der Anſicht nicht verſchließen, daß unſere arbeitenden Klaſſen, ſo groß auch ihre Begabung und Energie iſt, den Leiſtungen der gebildeten, gut unterrichteten Bevölkerung des Feſt⸗ landes gegenüber ſich in einem unverzeihlichen und gefährlichen Nachtheile befinden.

Unter einem ganz ähnlichen Eindrucke ſcheint der amerikaniſche Geſandte Bancroft ſich befunden zu haben, wenn wir leſen, wie er an ſeine Regierung über die Zukunft des Norddeutſchen Bundes berichtet. Nicht deſſen vollendete militäriſche Organiſation, nicht ſeine vollkommene Bewaffnung ſind es, die er als Großes verſprechend hervorhebt ſondern, daß dieſer Bund eine Vereinigung von vierzig Millionen ſeidie ſämmtlich leſen und ſchreiben können.

Bekannt iſt die Unfähigkeit und Unzuverläſſigkeit um nicht mehr zu ſagen der öffentlichen Be⸗ amten in Amerika.(Siehe Anmerk. S. 27.)

Gerſtäcker, in ſeinen Veröffentlichungen über ſeine jüngſten Reiſen in Amerika, ſagt: Es ſei ihm Nichts mehr aufgefallen, als die wiederholt vorgekommene Aeußerung ernſter und verſtändiger Amerikaner, daß für Ame⸗ rika die Herſtellung der Monarchie eine Wohlthat ſein würde, inſofern ſie dienlich wäre, das Land von einem Heere ſchurkiſcher Beamten zu befreien.

Dagegen weiß das große Weltblatt, die New⸗York⸗Times, indem ſie daſſelbe Uebel beſpricht, an dem der Staat und die Geſellſchaft ſo furchtbar leiden, zu deſſen Beſeitigung ſchließlich kein beſſeres Mittel vorzuſchlagen zur Gewinnung tüchtiger und ehrenhafter Beamten, als, im Hinweis auf Deutſchland und Preußen, denſelben eine gründliche wiſſenſchaftliche Bildung und ein ſtrenges Examen aufzulegen. Selbſt die Ausſicht auf eine hie⸗ raus erwachſende Büreaukratie vermag nicht, jene Ueberzeugung zu unterdrücken.

Reihen wir hieran die wiederkehrenden Nachrichten franzöſiſcher und engliſcher Blätter über die Bemüh⸗ ungen der Unterrichtsminiſter in Frankreich und England zur Einführung eines allgemeinen Volksunterrichts, unter ſtetem Hinweis auf das von Deutſchland gegebene Beiſpiel. Leſen wir endlich die Verhandlungen der Ge⸗ ſetzgebenden Körper der genannten Länder, um zu erfahren, daß bis jetzt alle Anſtrengungen erfolglos geblieben ſind für Einführung des allgemeinen Schulzwangs, der bei uns nicht mehr zur drückenden Laſt, vielmehr zur wohlthätigen Gewohnheit geworden iſt. Nur indirect vermag dort ein Druck auf die Bevölkerung ausgeübt zu werden, indem das Geſetz die Verwendung von Kindern zu Fabrik⸗ und anderen Lohnarbeiten nur dann geſtattet, wenn dieſelben eine Schule beſuchen.

Und ſo weiſen denn die Mittheilungen der verſchiedenſten vereinzelten Thatſachen hin auf unſere deutſche Schulſtube, auf die ſtille Werkſtätte der geduldig und langſam wirkenden Bildung des menſchlichen Geiſtes. Wohl dürfen wir mit gehobenem Gefühle in jenen von außen kommenden Stimmen die vollſte Würdigung des deutſchen Schulweſens erkennen, dieſes beſten Schatzes unſeres Volkes, der ſchönſten Blüthe ſeines reichen Culturlebens.

Aber indem wir dieſer gewonnenen Errungenſchaft freudig gedenken, wird von ſelbſt der Blick gelenkt auf die ſchwere Zeit, in der ſie vollendet worden iſt. Rückwärts blickend, ſind wir durch die Stimmen des Tages kaum anders gewohnt, als hinzuſehen auf einen Zeitraum trauriger Verkommenheit und troſtloſen Stillſtandes. Fünfzig Jahre eines ungeſtörten Friedens dienten nicht dem Fortſchritte, vielmehr der Hemmung in der Entwick⸗ lung des Menſchengeſchlechtes. So die Hiſtoriker der Schattenſeite!

Glücklicherweiſe dürfen wir den Geſchichtſchreiber der Lichtſeite dieſer Zeitperiode für beſſer berrchüügt halten. Was allein in ihr vollbracht wurde zur Förderung der geiſtigen und ſittlichen Bildung in allen Abſtufungen der Bevöl⸗ kerung und der Gebiete des Unterrichts, wird ſie ſpäteren Jahrhunderten in einem glänzenden Lichte erſcheinen laſſen.

Und es bedurfte allerdings der Arbeit eines halben Jahrhunderts, um unſer Unterrichtsweſen auf die ſo hervorragende Stufe zu erheben, die es einnimmt. Mehr als alles Andere iſt ein vollſtändig durchgebildetes Schulweſen eine Zeitfrage. Ihr gegenüber ſind die meiſten großen und ſtaunenswerthen Unternehmungen der Menſchen nur Macht⸗ und Geldfragen. Großartige Fabriken, Eiſenbahnen, Armeen, Flotten und Paläſte Alles dies läßt ſich, von der Macht des Willens und des Geldes getrieben, in wunderbar verkürzter Zeit herſtellen. Aber langſam reift die geiſtige Frucht. Nicht das ſouveränſte Machtgebot, nicht die reichlichſte Ausſtattung, nicht das