Aufsatz 
Perthes, ein deutsches Bürgerleben
Entstehung
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Eine ſchreckliche Zeit brach aber über die ſtolze Stadt Hamburg herein. Furchtbar rächten die Fran⸗ zoſen ven raſchen Abfall der Stadt durch unerhörte Greuel. Zehn der Flüchtigen wurden zum Tode ver⸗ urtheilt, darunter Perthes und ihr ganzes Vermögen confiscirt. Aber inmitten dieſer traurigen Lage ſchrieb ihm ſeine Frau, als ſie dieſe Nachricht erhielt:

Dank Dir von Herzensgrund mein lieber Perthes, daß Dein Name unter den Namen der

zehn Feinde des Gewaltigen ſteht; daß ſoll uns eine Ehre ſein, ſo lange wir leben.

Davouſt legte nunmehr der Stadt die furchtbarſten Contributionen auf, ließ zur Befeſtigung der⸗ ſelben die angeſehenſten Bürger Schanzarbeit verrichten, ringsum die Landhäuſer und Wohnungen von 8000 Menſchen mit allem Inhalt niederbrennen und gegen den Winter an 30,000 Menſchen ſchonungs⸗ los aus der Stadt treiben, darunter die Bewohner der Krankenhäuſer und Invaliden, der Gefängniſſe und Irrenanſtalt, von welchen Tauſende dem Hunger und Kälte erlagen. Die Bank von Hamburg wurde geraubt und der Geſammtverluſt, den ſeit der Beſetzung 1806 Hamburg erlitt, wird auf 140 Mill. Mark Banko berechnet.

Und was war unterdeſſen aus unſerem Perthes geworden? In der That, dieſe Zeit der hoͤchſten Noth ſeiner Heimath und ſeiner Familie zeigt uns denſelben in dem Glanzpunkte ſeiner aufopfernden Va⸗ terlands⸗ und Menſchenliebe. Raſch ordnete der redliche Kaufmann ſeine geſchäftlichen Verbindlichkeiten, indem er aus den geretteten Handlungsbüchern die Forderungen an ihn, durch Anweiſungen nach Mög⸗ lichkeit zu decken ſuchte. Dann aber galt ſeine ganze Thätigkeit der Hülfe den nach Mecklenburg geflüch⸗ teten und ausgetriebenen Unglücklichen. Er wußte im Verein mit andern tüchtigen Männern aus Eng⸗ land, Schweden und Rußland Geld herbeizuſchaffen zur Unterſtützung der Hülfloſen und ihm, der ſelbſt mittellos und bedürftig war, wurden Summen von vielen Tauſenden anvertraut, als treuem Verwalter zum Beſten der Nothleidenden. Eine weitere Sorge war ihm die Erhaltung der Disciplinirung der mit ausgezogenen hanſeatiſchen Legion und des Bürgercorps, auf deren Mitwirkung beim bevorſtehenden Frei⸗ heitskampf er für die ſpäteren Schickſale der Hanſeſtädte den größten Werth legte. Dies veranlaßte ihn auch, mit den angeſehenſten geflüchteten Hamburgern unter Zuziehung des Syndikus Curtius aus Lü⸗ beck einhanſeatiſches Direktorium zu bilden, um den politiſchen Mächten gegenüber die Inte⸗ reſſen der occupirten Reichsſtädte zu vertreten, was auch in entſprechender Weiſe gelungen iſt. So voll⸗ zog dieſer Mann nur aus Vollmacht und Aunftrag ſeiner eigenen lebendigen Thatkraft die vielſeitigſten und erfolgreichſten Handlungen, überall tröſtend, helfend, rathend, verſöhnend und das Gegenwärtige und Zu⸗ künftige mit gleicher Ueberlegung im Auge behaltend. 4

Alllein ſein ſchwacher Körper war auf die Dauer dieſen ungeheuren Anſtrengungen, verbunden mit den größten Aufregungen und Entbehrungen, nicht gewachſen. Ein Unglück rettete ihm das Leben. Er brach ein Bein und mußte ſich nunmehr nothgedrungen die erforderliche Ruhe gönnen. Denn Perthes war bereits krank und wurde in dieſem Zuſtande im Februar nach Kiel gebracht, wo er mit ſeiner Fa⸗ milie zuſammentraf und bis zur Geneſung blieb. Paris war indeſſen in die Hände der Alliirten gefallen und am 19. April 1814 begab ſich die Familie nach Blankeneſe in die Nähe von Hamburg, deſſen Räumung man täglich erwartete. Dieſelbe verzögerte ſich aber noch bis zum 1. Mai, an welchem Gene⸗ ral Bennigſen mit den Ruſſen und der Hamburger Bürgergarde ſeinen Einzug in die Stadt hielt, begleitet von den Tauſenden der Flüchtlinge, die grade ein Jahr in der Verbannung gelebt und gelitten hatten. Aber Tauſende ſahen die Vaterſtadt nicht wieder; der Tod hatte ſie als Erlöſer von namenloſem Elend befreit.

Welch ein Wiederſehen der mißhandelten Stadtl In welchem Zuſtande traf der früher vermögende Buchhändler ſein Haus wieder an! Die ſchönen freundlichen Räume zur ebenen Erde waren Monate lang Wachſtuben franzöſiſcher Soldaten geweſen. Mitten im größten Zimmer ſtand ein mächtiger Ofen.