Aufsatz 
Perthes, ein deutsches Bürgerleben
Entstehung
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21 Dazu ein Dutzend Spanier im Hauſe und ſeit neun Tagen 3 Gensd'armen, die mich faſt zur Verzweiflung bringen. Aber auch an den großen Geſchicken des deutſchen Vaterlandes verzweifelte er nicht, ſelbſt in den trübſten Zeiten. Inmitten jener tiefſten Erniedrigung ſchreibt er ebenſo wahr als prophetiſch: Allenthalben unter dem Volke iſt Wille, Kraft und Entrüſtung. Selbſt in Baiern bildet ſich ein Gemeingeiſt, der über den beſonderen Nationalgeiſt ſiegen wird. Wir denken hier nur an die Nationalehre und in Leipzig, wo in der Meſſe Menſchen aus allen Ständen des Reiches zuſam⸗ menkommen, ergiebt ſich die erfreuliche Gewißheit, daß ganz Deutſchland nur eine Stimme hat: Vater⸗ terland, Freiheit, Rache. Ich ſprach mit Tauſenden und war der Vorſichtigere in meinen Aeuße⸗ rungen. Man kann ſehr zufrieden ſein mit dem Volke. Gott ſende nur einen Geiſt, der die Ge⸗ müther binde und entlade. Nein, Deutſchland geht nicht unter und die Deutſchen ſterben nicht ab als ein thatenloſes Volk; ein neues Geſchlecht deutſcher Art wird entſtehen und blühen auf Jahr⸗ hunderte hinaus.

Nehmen wir uns ein Beiſpiel an dieſem felſenfeſten Vertrauen auf die Größe und unvergängliche Bedeutung des deutſchen Volkes, das Perthes ſelbſt dann noch behauptete, als die äußeren Verhältniſſe ſo drückender und verzweifelter Art waren, daß wir in unſeren jetzigen Zuſtänden uns hiervon kaum eine Vorſtellung zu machen vermögen.

Mit dem Ausgang des für Napoleon ſo verderblichen ruſſiſchen Feldzugs ſollte jedoch eine Unter⸗ brechung der Leiden herannahen. Als das herrlichſte Chriſtgeſchenk gelangte grade am 24. Dezember 1812 die erſte Kunde nach Hamburg, daß die große Armee in den Schneefeldern Rußlands begraben ſei. Alles athmete neu auf; die Bürger erhoben das Haupt gegen den Druck der kaum 3000 Mann ſtarken franzö⸗ ſiſchen Beſatzung. Perthes, dieſe Stimmung benutzend, rief im Verein mit thatkräftigen Männeru die Bildung eines bewaffneten Bürgercorps ins Leben. Denn ſchon hatte das Volk die franzöſiſchen Adler abgeriſſen, die verhaßte Douane geſtürmt und die Bürgerſöhne befreit, welche als Präfekturwache ein⸗ geſchifft werden ſollten. Die Franzoſen hatten keinen Widerſtand gewagt und es erſchien nothwendig, daß die öffentliche Ordnung durch eine geregelte Macht der Bürger geſichert werde. Zum Kampfe kam es jedoch glücklicher Weiſe nicht; ein Streifcorps unter Tettenborn näherte ſich Hamburg, die beſtürzten Franzoſen zogen ab und unter unermeßlichem Jubel hielten am 19. März die Koſaken ihren Einzug in die befreite Stadt.

Leider war dieſe Freude nur von kurzer Dauer. Der Frühlingsfeldzug von 1813 war den Waffen der Alliirten nicht günſtig; die Franzoſen gewannen an der untern Elbe wieber die Oberhand und Ham⸗ burg, deſſen eigene Mannſchaften zu wenig krieggerüſtet und geübt waren und das von auswärts nicht kräftig unterſtützt werden konnte, wurde zu Ende Mai von Vandamme und Davouſt eingeſchloſſen, mit Granaten beſchoſſen und nach kurzem Widerſtand am. 30. Mai beſetzt. Das Leben all der wackern Männer, welche früher ſo kraftvoll gegen die Franzoſen aufgetreten waren, ſchwebte nunmehr in höchſter Gefahr. Vor allen war dies bei Perthes der Fall, der gleich vielen Anderen vielfach und mit Frau und Kindern zunächſt nach Wandsbeck in Holſtein ſich rettete. Doch war dieſer Aufenthalt durch die Nähe des Feindes gefährdet und bis hoch in den Norden zogen ſie weiter nach Schleswig, wo der Graf Reventlow in der Nähe von Eckernförde am einſamen Strande der Oſtſee der Frau mit ihren 7 Kin⸗ dern eine Zuflucht anbot. Hier bewohnte die Familie ein ganzes Jahr lang unter vielen Sorgen und Entbehrungen zwei enge Stübchen eines kleinen Landhauſes, während Perthes ſelbſt, der auch hier nicht vollkommen geſichert war, auf einem Boote ſich einſchiffte und in Mecklenburg ans Land ſtieg, ein armer, hülfloſer Flüchtling, der mit der Heimath ſein ganzes Vermögen verloren hatte.