20 Literatur in allen Richtungen ſich verbreiten und den lockenden, ſchlechten Erzeugniſſen entgegengeſetzt wer⸗ den kann, die von ſelbſt ihre Wege in alle Winkel zu finden wiſſen.
So war nun Perthes ein Sortimentshändler geworden, deſſen Hauptgrundſatz es war, durch Ver⸗ breitung der guten Literatur auf die Bildung des deutſchen Volkes hinzuwirken und dieſes löbliche Streben des thätigen jungen Mannes führte ihm bald die bedeutendſten Bekanntſchaften zu, aus welchen ihm die folgenreichſten Beziehungen und Freundſchaften ſich entwickelten. Auf dieſe Weiſe entſtand ein inniger Verkehr mit dem Philoſophen Jakoby, mit den Grafen Reventlow, Stollberg und Moltke, mit Nicolovius, mit der Fürſtin Gallitzin und ausgezeichneten Perſönlichkeiten des Münſterlandes, wie dem Fürſten von Fürſtenberg und den Freiherren von Droſte. Wie verſchieden auch die Lebens⸗ ſtellung und der confeſſionale Standpunkt in dieſen Kreiſen war, ſo harmonirten doch Alle ihnen Ange⸗ hörigen in feiner Geiſtesbildung, edlem Weſen und gläubigem Sinn.
Am bedeutungsvollſten ſollte ihm aber die Bekanntſchaft mit dem frommen alten Claudius wer⸗ den, dem bekannten Dichter unſeres beliebten Rheinweinliedes. Denn aus deſſen ſtiller Landwoh⸗ nung zu Wandsbeck wählte ſich Perthes die Tochter als Lebensgefährtin, die, gehalten von feſtem Gottvertrauen, die ſchwerſten Lebensprüfungen muthvoll beſtanden hat.
Das Buchhandlunggeſchäft gewann Ausdehnung, eine junge Familie belebte alsbald das Haus und ein glückliches Loos war Perthes allem Anſchein nach beſchieden. Doch nur zu frühe ſollte daſſelbe getrübt werden. Napoleons ſchwere Hand, die damals auf ganz Europa, vornehmlich aber auf Deutſch⸗ land laſtete, ſtreckte ſich auch nach Hamburg aus, das im Jahre 1807 beſetzt und im Jahre 1810 geradezu dem franzöſiſchen Reiche einverleibt wurde.
Hiermit war aber die Blüthe dieſer reichen Handels⸗ und Fabrikſtadt geknickt. Die Continental⸗ ſperre vernichtete alsbald den regen Handel und lähmte nicht nur die Schifffahrt, ſondern richtete auch die Induſtrie zu Grunde. An 400 Zuckerſiedereien, ſämmtliche Tabaksfabriken und faſt alle Kattundruckerein gingen ein. Eine furchtbare Steuerlaſt, ſchamloſe Erpreſſungen und Beraubungen der öffentlichen, ins⸗ beſondere der wohlthätigen Anſtalten waren an der Tagesordnung. Und erhöht wurde das Unerträgliche dieſes Druckes dadurch, daß mit dem Generalgouverneur Marſchall Davouſt eine Menge von franzö⸗ ſiſchem Geſindel einzog, das in den Anſtellungen von Oben bis Unten auf Plünderung bedacht war und durch welches die alte freie Hanſeſtadt nun herabgedrückt wurde zu einer franzöſiſchen Präfektur.
Dieſer Alles gleich machende Regierungs⸗Abſolutismus war den Deutſchen ganz beſonders verhaßt und in dieſem Sinne ſchrieb damals der geiſtvolle Görres an Perthes:
„Juden und Perſer, Türken und Neuſeeländer werden noch Präfekten, den Code und die Cen⸗
„ſur bekommen. Das kleinſte Grundmaß hat Napoleon von Menſchen genommen und Alles was
„größer iſt, wird abgehauen.“
Görres war es auch, der Perthes anfeuerte, in dieſer ſchweren Zeit den Kopf nicht hängen und den Muth nicht ſinken zu laſſen, ſondern dem erhöhten Druck die erhöhte Thatkraft gegenüberzuſtellen.
Wie groß daher auch die Verluſte waren, die Perthes damals erlitt, ſo gelang es doch ſeiner raſtloſen Thätigkeit und klugen Umſicht, ſich durch alle Schwierigkeiten hindurchzuwinden. Denn gerade den Ein⸗ fluß der Literatur, die Macht des deutſchen Geiſtes und der Wiſſenſchaft fürchtete Napoleon am mei⸗ ſten und ſuchte dieſelben in jeder Weiſe zu unterdrücken.
Von der lebensmuthigen Auffaſſung ſeiner eigenen Verhältniſſe, inmitten der größten Bedrängniß, giebt Perthes ein ſprechendes Zeugniß in einem Briefe an Jakoby, dem er 1807 u. A. ſchreibt:
„Mein Geiſt wird mit jedem Jahre ſicherer und freier und ſo bin ich bei allen Ereigniſſen
„muthvoll und heiter. Viel Intereſſe für Leben und Tod, viel Liebe, viel Leidenſchaft, viele Freunde,
„viele Kinder, viel Arbeit, viel Geſchäfte, viel Luſt, viel Unluſt, viel Unruhe und nicht viel Geld!


