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„Friedrich, Du mußt Dir die Haare vorn zu einer Bürſte und hinten zu einem Zopfe wach⸗
„ſen laſſen und Dir ein paar hölzerne Locken anſchaffen. Deinen runden Matroſenhut legſt Du
„fort, für Dich ſchickt ſich ein dreieckiger. Ohne meine Erlaubniß gehſt Du weder Morgens noch
„Abends aus dem Hauſe. Jeden Sonntag begleiteſt Du mich in die Kirche.
Ja— dieſe Lehrzeit war eine harte Zeit und in den zur Winterzeit ungeheizten Gewölbe und Laden erfror der kleine Junge Hände und Füße. Durch ſein aufgewecktes und dabei beſcheidenes Weſen gewann er jedoch die Gunſt der Buchhändler, zu welchen er beſtändig mit Aufträgen unterwegs war, ſo daß er ins erwärmte Comtoir eintreten durfte, was ſonſt einem Lehrling nicht erlaubt war. Nur ſelten und für kurze Augenblicke unterbrach ein Beſuch ſeines Onkels den angeſtrengten Dienſt und der Lehrherr ſelbſt hielt einmal im Jahre einen Ausflug aufs Land mit ſeiner Familie und ſeinen Lehrburſchen für genug.
So verſtrich allmählich auch dieſe erſte Prüfung ſeines Lebens. Nach Kraft und Möglichkeit hatte der junge Mann an ſeiner Ausbildung gearbeitet und ſich tüchtig gemacht fürs Geſchäft. Nichts war ihm ſchmerzlicher, als daß ihm durch ſeine bedrängten Verhältniſſe der Zutritt und die Bewegung in bildenden Lebens⸗ kreiſen verſagt war. Doch bewahrte ihn die gezwungene Eingezogenheit auch vor den Verſuchungen und Uebeln, welchen gerade in dieſem Alter ſo mancher gute Jüngling erliegt.
Der Lehrherr Böhme war ſtreng, insbeſondere auch gegen ſich ſelbſt, im Uebrigen keineswegs hart und unfreundlich. Nach beendigter Lehrzeit trat er bei einem feierlichen Mahle an Perthes heran, gab ihm einen leichten Backenſtreich, überreichte ihm einen Degen und nannte ihn Sie. Er war ſomit los⸗ geſprochen und trat alsbald als Gehülfe in ein gutes Geſchäft in Hamburg, durch Vermittelung des Prin⸗ zipals, wie es im Vertrag bedungen war.
In einer Weltſtadt wie Hamburg eroffnete ſich für den lebensfriſchen Blick unſeres jungen Perthes ein eben ſo ausgedehnter als inhaltreicher Geſichtskreis. Hier auch war es ihm vergoͤnnt, mit Perſönlich⸗ keiten bekannt zu werden, die fördernd auf ihn einwirkten, wie Sieveking, Campe, Voß und An⸗ dere. Auch gewann er bald um ſich einen kleinen Kreis ſehr wackerer Freunde und es iſt gewiß das beſte Zeugniß für die Gediegenheit ſeines Charakters und ſeine Geſchäftskenntniß, daß in kurzer Zeit dem ganz mittelloſen jungen Mann Capital und Geſellſchafter ſich anboten zur Gründung eines Geſchäftes, wel⸗ ches er, kaum 24 Jahre alt, eröffnete.
Es kam ihm hierbei weſentlich die eigenthümliche Organiſation zu Statten, welche grade damals der deutſche Buchhandel zu gewinnen begonnen hatte. Dieſe Einrichtung iſt ſo merkwürdig, daß ich der⸗ ſelben mit einigen Worten zu gedenken habe. Wie dies in Frankreich und England im Weſentlichen noch heutzutage der Fall iſt, verkaufte früher auch in Deutſchland der Buchhändler zunächſt nur diejenigen Bücher, welche er ſelbſt hatte drucken laſſen, oder wie man ſagt, verlegt hatte. Von den Büchern ande⸗ rer Verleger nahm er deßhalb nicht mehr, als er hoffen durfte wieder verkaufen zu können. Hierdurch war natürlich der Bücherumſatz ſehr beſchränkt, da die unverkauft bleibenden Bücher dem Händler in zwei⸗ ter Hand zum Schaden gereichten. Das Publikum aber fand in dem Buchladen nur eine ſehr beſchräntte Anzahl von Werken vor, deren Auswahl überdies vom Geſchmack und Riſico des Händlers abhing.
Nunmehr war hierin eine Aenderung eingetreten. Die Verlagsbuchhändler gaben einander ihre Bü⸗ cher auch auf Condition oder in Commiſſion, ſo daß die etwa nicht verkauften wieder zurückgeſendet werden konnten. Hierdurch war nun der Verbreitung eines jeden Buches die weiteſte Grenze geöffnet. Auch wurde es nunmehr möglich, daß Buchhandlungen entſtehen konnten, die ſich lediglich mit dem Ver⸗ kauf der in Condition gegebenen Bücher befaßten, die ſogenannten Sortimentsbuchhandlungen, zu deren Errichtung daher auch geringere Mittel ausreichen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in die⸗ ſer, nur Deutſchland eigenthümlichen Vertriebsweiſe des Buchhandels, die literariſche Durchbildung dieſes Volkes mitbegründet iſt. Als beſonderer Vortheil erſcheint es, daß hierdurch auch die gute und gediegene
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