17
der zwar nicht auf den Lippen Aller, aber in den Herzen Vieler lebt— einen ſchlichten Bürgersmann — den Hamburger Buchhändler Perthes.
Zwei Männer ſind es, die in jener Zeit der ſchweren, auf Deutſchland laſtenden Bedrückung nicht mit dem Schwerte in der Hand, ſondern durch die Macht des Geiſtes und des Wortes Großes und Un⸗ vergeßliches geleiſtet haben, ein jeder in ſeinen Kreiſen und gleich erfolgreich nach Maßgabe dieſer— der Freiherr von Stein und Perthes.—
War Stein als Reichsbaron und Staatsmann ſchon an ſich auf einen hohen Standpunkt geſtellt und zum weittragendſten Wirken berufen, ſo erſcheint uns freilich das Eingreifen des beſcheidenen Buch⸗ händlers im Vergleich hiermit nur von untergeordneter Bedeutung. Aber wir haben in ihm eine der ſchönſten Perſönlichkeiten unſeres deutſchen Volkes zu ehren und dankbar ſind wir dem Sohne Perthes, daß er uns in getreuer Schilderung und insbeſondere aus zahlreichen Briefen das Bild eines deutſchen Mannes offenbart hat, wie wir als Vorbild des bürgerlichen Lebens kein beſſeres zu geben wüßten. In ſteter und nächſter Beziehung zu einer großen Zeit und zu wichtigen Begebenheiten erhält auch das Leben dieſes Mannes einen erhöhten Reiz.
Ihn ſchmückten als hervorragende Tugenden Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und die werk⸗ thätigſte Nächſtenliebe, welchen beigeſellt waren Sittlichkeit und Fleiß, ein raſtloſes Streben nach Vervollkommnung und eine ideale Auffaſſung ſeines bürgerlichen Berufs.
Hierdurch gewinnt dieſer vortreffliche Bürger unſere ganz beſondere Theilnahme. Denn wahrlich — es thut Noth, daß wir Denjenigen, welche den Berufsarten des Erwerbes und Gewinnes ſich zuwen⸗ den, eine ideale Perſönlichkeit aus dieſen Kreiſen vorführen, damit ſie erkennen, wie dürftig der Beſitz und Reichthum ſind, ohne höheres Ziel und edleren Zweck; es thut Noth, der im erwerblichen Berufe ſo leicht ſich einſtellenden und mehrenden Selbſtſucht ein Muſterbild der hingebendſten Nächſtenliebe und des opferfreudigſten Gemeinſinns entgegenzuſtellen.
Zeigt uns doch gerade die jüngſte Zeit ein Beiſpiel, daß wo die Geſammtthätigkeit vorherrſchend auf den Erwerb gerichtet iſt, die einſeitige Verfolgung dieſes Zieles allmählich den Charakter eines Volkes herunterbringen kann. Dahin nämlich ſehen wir das Engliſche Volk gekommen, das in blinder Lei⸗ denſchaft nur den Eingebungen ſeines gewinnſüchtigen Egoismus folgend, ſo leicht geneigt iſt, das Recht mit Füßen zu treten und die rohe Gewalt an deſſen Stelle zu ſetzen, wenn dieſes ſeinen Intereſſen förderlich ſcheint.
So gehen wir nun über zur Schilderung des Lebens eines wackeren Bürgers, das bei Allen die Zuverſicht ſtärken wird, wie nicht vornehme Geburt und hohe Stellung noͤthig ſind, um dem Gemein⸗ weſen ausgezeichnete Dienſte zu leiſten, ſondern nichts weiter, als frommer Glaube, tüchtiger Bürgerſinn und eine brennende Liebe zum Vaterlande.
Friedrich Chriſtoph Perthes wurde 1772 zu Rudolſtadt geboren. Sein Vater, der eine geringe Anſtellung hatte, ſtarb frühe und hinterließ die Erziehung des Kindes der wenig bemittelten Mut⸗ ter und dem Oheim Heubel, der zwar auch nur ein dürftiges Einkommen hatte, aber ein Mann von Bildung und trefflichem Charakter war. So wurde ſchon die erſte Jugend des Knaben eine harte Schule der Entbehrung und obgleich derſelbe das Gymnaſium beſuchte, ſo lag es doch in dieſen Verhältniſſen, daß ſeine Ausbildung lückenhaft blieb und an ein Studium nicht gedacht werden konnte. Auch war er im 14. Jahre noch ſo klein, daß er keine Lehrſtelle in einem Geſchäfte finden konnte. Perthes erreichte auch im vollen Mannesalter nur eine geringe Größe und wenn ſeine Perſon nichtsdeſtoweniger oft auf große und gewaltige Menſchen einen beherrſchenden Eindruck machte, ſo lag dieſes vornehmlich in der Wirkung ſeines großen, lebendigen Auges und in ſeiner entſchiedenen, von Innen gefeſteten Haltung.
Im 15. Jahre fand er endlich ein Unterkommen als Lehrling in einer Buchhandlung, einen Beruf,
den er weniger aus beſtimmter Neigung, als vielmehr darum gewählt hatte, weil ein Verwandter in Gotha 3


